Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017
Zum Schicksal eines hannoverschen jüdischen Rechtsanwalts:
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Zum Schicksal eines hannoverschen jüdischen Rechtsanwalts: Dr. Horst-Egon Berkowitz von Heide Kramer

Dr. Horst-Egon Berkowitz und seine Familie

Meine heute fast 98jährige Mutter erinnert sich sehr gut an die jüdische Familie Berkowitz, die aus Königsberg stammte und in Hannover ansässig geworden war.

Mein Großvater, ein Geschäftsmann, kontaktierte häufig mit dem in unmittelbarer Nachbarschaft im Zooviertel von Hannover lebenden und wirkenden Rechtsanwalt Dr. Horst-Egon Berkowitz. Man kannte sich gut und schätzte einander. Mein Großvater hatte einen ausgedehnten jüdischen Kundenkreis.

Familie Berkowitz

Horst-Egon Berkowitz wurde am 16. Januar 1889 als zweitjüngster Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Königsberg geboren. 1902 zog die Familie mit ihren vier Kindern nach Hannover. 

Im Alter von erst 16 Jahren meldete sich Horst-Egon Berkowitz 1914 als Freiwilliger an die Front. Eine Granate verletzte ihn schwer. Er verlor er ein Auge, fast das ganze Gehör, eine halbe Hand und einen Teil seines Gehirns. Doch er überlebte, blieb aber für immer entstellt. Die gravierenden Kriegsverletzungen machten stets erneute schwere Operationen unumgänglich, was sich zeitlebens auswirkte.

Horst Berkowitz studierte Jura, promovierte mit 21 Jahren und legte bereits mit 22 Jahren das Zweite Staatsexamen ab. Bis zur Machtübernahme Hitlers im Jahre 1933 arbeitete Dr. Berkowitz in Hannover als Rechtsanwalt und Notar. Im November 1938 verschleppten ihn die Faschisten unmittelbar aus seiner Wohnung in das Konzentrationslager Buchenwald. Dass er dort bald wieder entlassen wurde, verdankte er seinem Goldenen Verwundetenabzeichen aus dem Ersten Weltkrieg. Nach seiner Haftentlassung musste er ab 1940 im Konzentrationslager Ahlem bei Hannover Arbeitsdienst leisten. Er konnte lediglich nebenbei sein Büro als degradierter "Jüdischer Konsulent" fortführen und für Juden als Rechtsberater tätig sein. Dr. Berkowitz blieb bis zum Kriegsende dem Konzentrationslager Ahlem zugeteilt. Aber er emigrierte nicht und wohnte weiterhin in Hannover. Er überstand die Gräuel.

Trotz der erlittenen schweren Schicksalsschläge nahm Dr. Horst Berkowitz nach 1945 seine Anwalttätigkeit wieder auf. Fortan setzte er sich für besonders finanzschwache Mitbürger ein. Er gewann durch dieses Engagement, seinen klaren Rechtsgeist und seine humane konziliante Charakterhaltung schließlich den Ruf als "Anwalt der Bedrängten“.

Als eine stadtbekannte Persönlichkeit starb Dr. Horst-Egon Berkowitz 1983 in Hannover und wurde auf dem jüdischen Friedhof Hannover-Bothfeld beigesetzt. Bis zuletzt lebte er mit seiner sechs Jahre älteren Schwester zusammen. Nach dem Tod ihres Bruders verließ sie Hannover und siedelte nach London über.

Dr. Berkowitz hatte ein Merkmal: Die lederne Motorradkappe, die er ständig trug, um seinen Kopf wegen der schweren Verletzungen vor Witterungseinflüssen zu schützen.

Der ältere Bruder Harald realisierte seinen Wunsch und studierte Medizin. Unter großen Schwierigkeiten und Lebensgefahr gelang ihm nach der Reichspogromnacht im November 1938 die Emigration nach England. Wegen eines fehlenden englischen Examens durfte er jedoch nach 1945 in England nicht weiter als Arzt arbeiten. Er übersiedelte nach Indien und praktizierte in Kaschmir. Dr. Harald Berkowitz starb 1952 an den Folgen von Röntgenverbrennungen. Er erwarb bereits in Hannover sowie später im Ausland den Ruf eines außerordentlich fähigen, hoch geschätzten und besonders sozial eingestellten Facharztes.

Der jüngste Bruder Gerhard wandte sich nach einem misslungenen Chemiestudium der Musik zu. Weil er Jude war, verlor er ab 1933 die Tätigkeit als Korrepetitor am Opernhaus Hannover. Seine jüdische Ehefrau Else erlitt ein ähnliches Schicksal: Die Opernsängerin musste ihre Karriere aufgeben. 

 

Opernhaus | 05.04.1933

Ein Apfel für Birgit Berkowitz

Es muss um 1940 gewesen sein. Meine damals im elterlichen Haushalt lebende Mutter hatte soeben in einem Lebensmittelgeschäft nahe ihres Elternhauses eine Tüte Äpfel erstanden, eine Rarität in jenen Zeiten und außerdem nur durch Lebensmittelmarken zu erwerben. Nachdem sie mit der Kostbarkeit den Laden verließ, traf sie auf der Straße Frau Else Berkowitz mit ihrer kleinen etwa dreijährigen Tochter Birgit, die sehnsüchtig auf die Äpfel schaute. Frau Berkowitz reagierte plötzlich und hauchte meiner Mutter im Vorübergehen zu: "Ach, bitte, nur einen Apfel für das Kind". Meine Mutter wollte der Frau spontan die Tüte geben mit dem Bemerken, nur ein Apfel sei doch zuwenig, sie könne gern die ganze Tüte für die Kleine nehmen. Worauf die Frau entsetzlich erschrak, abwehrend reagierte und erwiderte, um Gotteswillen, nein, ein Apfel reiche wirklich aus.

Meine Mutter kannte auch die Schwägerin des Dr. Horst Berkowitz durch die väterlichen Geschäftsverbindungen, warum sollte sie seiner Nichte nicht wenigstens einen Apfel schenken? So gab meine Mutter die Tüte weiter an die kleine Birgit, die sofort gierig hinein griff.

Birgit habe große schwarze Augen und lange dunkle Locken gehabt, aber Frau Else Berkowitz färbte damals ihre Haare blond, dieses sei ein krasser Gegensatz zu ihren dunklen Augen und daher sehr auffällig gewesen, so erinnert sich meine Mutter.

Noch am selben Nachmittag des Geschehens suchte ein zuständiger Blockwart der NSDAP die Wohnung meiner Mutter auf. Ein Nachbar wollte beobachtet haben, dass sie öffentlich einem jüdischen Kind einen Apfel geschenkt hatte und sofort denunziert. Da dieser Nachbar jedoch keine weiteren Zeugen nennen konnte, verhielt sich der Blockwart human. Er hätte den "Vorfall" ansonsten melden müssen. So blieb es lediglich bei einer Verwarnung.

Judenhaus, Deportation und Vernichtung

Als im ersten Kriegsjahr verschiedene Häuser in Hannover den Bomben zum Opfer gefallen waren, hatten die Juden ihre Wohnungen zu räumen und in Judenhäuser überzusiedeln. Die Gedemütigten lebten dort eng zusammengepfercht und menschenunwürdig bis zu ihrer Überstellung in unterschiedliche Konzentrationslager.

Meine Mutter weiß noch, dass Gerhard Berkowitz mit seiner Frau Else, der am 1. Oktober 1937 geborenen Tochter Birgit und seiner Mutter Esther in das "Judenhaus" Ellernstraße 16 (Israelitisches Krankenhaus) einziehen musste. Im Sommer 1941 erfolgte die Deportation der Mutter Esther nach Theresienstadt, bereits im Dezember traf die Todesnachricht ein. Der Vater starb noch kurz vor der Verschleppung nach Theresienstadt.

Die Nazi-Schergen holten die Familie Berkowitz am 15.  Dezember 1941 mit zahlreichen anderen Unglücklichen von der Ellernstraße 16 ab. Die Menschen, darunter befanden sich außer Birgit noch weitere Kinder, wurden von der Sammelstelle Hannover-Ahlem aus nach Hannover-Linden zum Bahnhof Fischerhof gebracht. Diesen ersten Transport in das Ghetto Riga-Škirotawa führte die Deutsche Reichsbahn durch. Bevor Else Berkowitz mit ihrer Tochter Birgit den Weg in die Gaskammern von Auschwitz ging, konnte sie gemeinsam mit ihrem Mann Gerhard im Ghetto Riga noch einige öffentliche musikalische Veranstaltungen arrangieren.

Gerhard Berkowitz verblieb zunächst in Riga-Škirotawa. Er war unter den letzten Insassen dieses Ghettos, die kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee zu einem Transport nach Tallinn zusammengefasst wurden. Die Häftlinge starben unterwegs.

Heide Kramer, Hannover, März 2007
Aktualisiert: Oktober 2010

German State Ry. No.57 2920 in Station
Bahnhof-Fischerhof, Hannover-Linden

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Postkarten
Heide Kramer / Text

Hildegard Kramer | Hannover
Dr. Horst Berkowitz. Ein jüdisches Anwaltleben (1898-1983) | Prof. Dr. Ulrich Beer | Verlag Klöpfer und Meyer | 2004

Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. | 11/2010