Tätowierte | Tattoo-Karten
|
Tätowierte - von Stefan Nagel Ansichts- und Postkarten wie die hier abgebildeten wurden von den diversen Schaubuden-Freaks auf den Jahrmärkten in den ersten Jahrzehnten des 20. Jhs. als Souvenirs verkauft. „Miss Käthe“ stellte dabei unter den zahlreichen menschlichen Schauobjekten eine echte Attraktion dar, verkörperte sie doch als „tätowierte Kolossaldame“ gleich zwei beliebte Sujets in einer Person. Dabei weckte zu einer Zeit, in der die Möglichkeiten zum Ausleben der eigenen Individualität sehr begrenzt waren, bereits ein tätowierter Körper allein das Interesse des Publikums. Bei diesen "Schaubuden-Freaks" handelte es sich in der überwiegenden Mehrzahl um Frauen, die damit warben, am ganzen Körper tätowiert zu sein und dies bis an die Grenzen des damals Schicklichen auch unter Beweis stellten. Dem Publikum eröffneten sich so unter dem Vorwand einer eingehenden Betrachtung der "Kunstwerke" willkommene Gelegenheiten "einen Blick zu riskieren". |
Zum Andenken an die tätowierte Dame ANITA | 04.07.1912 Viele Tätowierte präsentierten in den Schaubuden ein kleines artistisches Programm, häufig Feuerspucken oder Schlangenvorführungen. Noch mehr mögen die Besucher jedoch von den Geschichten über die angebliche Herkunft der Bilder gefesselt gewesen sein. Oftmals ging es dabei um schmerzhafte kultische Tätowierungsriten Eingeborener, die sie auf Reisen erleiden mussten. Motive wie Jesus Christus am Kreuz oder Engel waren mit solchen Geschichten allerdings schwerlich in Einklang zu bringen. Offensichtlich fielen dem Publikum jedoch derartige Ungereimtheiten nicht auf, weil das Interesse tatsächlich weniger den bunten Bildern galt. |
Miss Käthe einzig reisende tätowierte
Kolossal-Dame |
Verbots-Gesetz vollständig tätowierter Damen | Erste Tätowier-Ateliers in Deutschland
|
1911 wurde in Deutschland das Verbots-Gesetz vollständig tätowierter Damen erlassen und 1919 eröffnet Christian Warlich (1891-1964), der sogenannte "König der Tätowierer", von Beruf Kesselmacher und Seemann, eine Kneipe mit Atelier "Atelier moderner Tätowierungen" in der Kieler Straße 44., in Hamburg St. Pauli. Christian Warlich, in Hannover geboren, war somit der erste Berufstätowierer Deutschlands und arbeitete auch als Erster in Deutschland mit einer elektrischen Tätowiermaschine. |
Ende der 1920er Jahre gab es ca. 30 Berufstätowierer in Deutschland, zum Beispiel Willy E. Blumberg (1877-?), der bis Anfang 1932 ein eigenes Atelier in Kiel betrieb. Johann Otto Kuchenmüller (1871-?), genannt Hans in Emden, Karl Finke (1865-1941), er war von Beruf Ringkämpfer und Schausteller, seit 1914 in der Großen Marienstraße 8., in Hamburg-Altona sowie Albert Heinze, Spitzname "Onkel Albert" aus der Münzstraße am Alexander Platz in Berlin, nach dem Zweiten Weltkrieg dann in der Hein-Hoyer-Straße, in Hamburg St. Pauli. Anfang 1932 wurde mit dem "Brachtschen Erlass" endgültig das öffentliche Auftreten und Zurschaustellen von tätowierten Menschen in Deutschland allgemein verboten. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurden viele Tätowierer und Tätowierte in Konzentrationslager verschleppt, unter anderem Willy E. Blumberg und Albert Heinze, er saß acht Jahre im Konzentrationslager. Christian Warlich wurde verschont, da die Schutzstaffel (SS) in seinem Atelier und in seiner Kneipe ein und ausging. Christian Warlich starb am 2. Februar 1964 in Hamburg an einem Gehirnschlag. In der Schweiz, im Kanton Bern war es noch bis 1996 offiziell verboten, sich tätowieren zu lassen. Im Gesetzestext wurde das tätowieren als Körperverstümmelung bezeichnet. Das Wort “tätowieren” stammt von dem tahitischen Wort “Tatau”, was so viel bedeutet wie “die Haut ritzen”, ab. |
Leute die zur See fahren wollen, |
Ethnische Tätowierungen
Aufgrund der vielfältigen und über die ganze Welt verstreuten Hinweise ist davon auszugehen, dass sich das Tätowieren bei den verschiedenen Völkern der Erde, selbstständig und unabhängig voneinander entwickelt hat. Früher dienten Tätowierungen der Zuordnung zu religiösen und/oder ethnischen Gruppen. Einige Beispiele sind hier zu sehen.

Am ganzen
Körper tätowierter
Mann Tätowierter
Azteken-Häuptling
13.06.1908
La Bella Angora und Don Manuelo, eigentlich Julius Becker
La Bella Angora, auch Königin der tätowierten genannt, stammte aus Deutschland. Die kunstvollst tätowierte Dame trat in den verschiedensten Zirkussen und Panoptiken auf. Sie behauptete gegen ihren Willen von Wilden in fernen Ländern tätowiert worden zu seien. Diese Behauptung trug zu ihrer Popularität erheblich bei. In Wahrheit wurde sie unter anderem von dem Hamburger Tätowierer Christoph Lein, später zog er nach Erfuhrt/Thüringen um, tätowiert. La bella Angora war eine der wenigen tätowierten Damen, deren Füße auch tätowiert waren. Sie war so erfolgreich, dass es unzählige Fotos, Postkarten und Poster von ihr gibt. Die Münchner Allgemeine Zeitung schrieb über ihren Auftritt auf dem Münchner Oktoberfest im Jahr 1891: "Die Haut des hübschen Fräuleins glänzt und fühlt sich wie Samt an; die Nacktheit erscheint völlig aufgehoben".

La
bella Angora, die
kunstvollst
Don
Manuelo
tätowierte Dame der
Erde
Unstreitig
die beste ihres Genres.
La Bella Angora war mit ihrem Impresario (Manager) Julius Becker, der ab 1908 tätowiert wurde, und unter seinem Künstlernamen Don Manuelo auftrat, verheiratet. Auch er stellte sich in Zirkussen und Panoptiken zur schau. Zeitweilig traten beide auch zusammen auf. Julius Becker trat nicht nur selber auf, er managte auch andere tätowierte und galt in den 1920er und 1930er Jahren als führender Impresario tätowierter Künstler in Deutschland. Als ständige Adresse seiner Künstleragentur wurde die Deichstraße 11., in Stendal angegeben. Das Paar ließ sich scheiden und Julius Becker heiratete danach noch einmal.
Djita Salomé | Maud Arizona, eigentlich Genoveva Forst (1888-1963)
|
Djita Salomé behauptete sie wäre Ägypterin, tatsächlich wurde sie in Deutschland geboren. Sie war außer im Gesicht, auf der Brust und den Händen ganzkörpertätowiert. Djita Salomé hatte 14 verschiedene Farben auf ihrem Körper. Die Tätowierungen wurden angeblich mittels Feingold Nadeln von Sioux-Indianern des Dakota-Indianerstamms in den USA ausgeführt.
Salome
- Die einzig
dastehende SALOME
- Die einzig
dastehende DJITA-SALOMÉ |
Es gibt Karten, auf denen sie als "Das blaue Weib" betitelt wird. Salomé trat in ganz Europa auf. Ihr Impresario (Manager) für ihre Internationalen Tourneen war um 1913 F. Cornélio aus Oldham (World`s Fair Office) in England. 1900 war sie auch in Castans Panoptikum und 1912 im Berliner Passage-Panoptikum zusehen, beide befanden sich in der Friedrichstraße in Berlin. Djita Salomé war eine der wenigen Schaustellerinnen, die eine eigene Schaubude besaßen, mit der sie auf Jahrmarkt- und Zirkusveranstaltungen zusehen war. Sie wurde unter anderem in Berlin, Paris/Frankreich, London/England, New York City/USA und St. Petersburg/Russland für ihre Tätowierungen prämiert.
Arizona (Maud Arizona) |
Djita Salomé |
|
Maud Arizona, eigentlich Genoveva Forst (1888-1963) Maud Arizona, eigentlich Genoveva Forst (1888-1963) wurde 1888 in Deutschland geboren. 1922 wurde sie vom deutschen Maler und Grafiker Otto Dix (1891-1969), nachdem er sie in einer Düsseldorfer Kneipe kennenlernte, porträtiert. Otto Dix nannte das Bild Suleika, das tätowierte Wunder. Sie gehörte zu den bekanntesten tätowierten Damen Europas. Mit dem tätowierten Franzosen Roustan und dem Zirkus Sarrasani ging sie um 1930 in Argentinien auf Tournee und war um 1935 auch mit der Cumberlandschau als „Das blaue Wunder“ zusehen. Maud Arizona (Genoveva Forst) starb 1963 im Alter von 75 Jahren. |
Annie Howard, eigentlich Annie Frank
|
Annie Frank trat als kunstvollst tätowierte Dame der Gegenwart auf. Angeblich soll es fast 25 Jahre gedauert haben, bis sie vollständig tätowiert war. Sie wurde auch die lebende Bildergallerie genannt. Ihr Impresario (Manager) war A. Scheuer aus Hamburg-Altona, später Hamburg-Stellingen. Scheuer war Schausteller und betrieb unter anderem A. Scheuers Puppenbühne und Scheuers Liliputaner-Theater in Hamburg (siehe auch: Liliputaner und Liliputanerschauen). 1882 wurde Annie Frank in Manhattan, New York City/USA wegen Körperverletzung verhaftet und musste für zehn Tage ins Gefängnis. Angeblich hatte sie ein Passant wegen ihrer tätowierten Arme beleidigt, woraufhin sie den Mann geschlagen und beleidigt haben soll. Nachdem sie Frank Howard (?-1925), der auch am ganzen Körper tätowiert war, geheiratet hatte, gingen die Eheleute Howard gemeinsam in den USA auf Tournee. Neun Monate später kam ihre Tochter Ivy zur Welt. 1897 verließen Annie und Frank die USA um für den Barnum and Bailey Limited Circus in Europa aufzutreten. Ihre ständige Adresse war London/England und Hamburg-Altona. Es existieren Karten, auf denen sie als tätowierte Geschwister bezeichnet werden, dies stimmt natürlich nicht.
Annie Frank kunstvollst
tätowierte
Annie Frank kunstvollst tätowierte Ihre Tochter Ivy musste in den USA bleiben und durfte erst mit acht Jahren ihren Eltern nach London folgen. Ivy Howard wurde später eine berühmte Schlangenbeschwörerin und trat in verschiedenen Varietés auf. Nachdem die Familie 1903 in die USA zurückkehrte, verließ Annie mit ihrer Tochter ihren Mann Frank. Frank Howard heiratete nochmals und eröffnete in Boston, Massachusetts/USA ein Tätowier-Atelier. Er starb im November 1925. Annie Frank soll später wieder nach Deutschland zurückgekehrt sein und sich in Hamburg ins Privatleben zurückgezogen haben. Über das Schicksal von Ivy ist nichts bekannt. |
|
Martin Hildebrandt Der deutsche Auswanderer Martin Hildebrandt, er betrieb ab 1870 sein Atelier in der Oak Street (Lower Manhattan) in New York City, USA, wurde zu einem der ersten professionellen Tätowierer in den USA. Mit der Hand-Methode tätowiert er unter anderem seine Tochter Nora Hildebrandt und Annie und Frank Howard während ihrer Aufenthalte in New York City. |
Madiah Surith (Mlle Burilian | Lady Suritha) | William Boston, eigentlich Anton Höffels
|
Madiah Surith (Mlle Burilian | Lady Suritha) Madiah Surith, die tätowierte Schönheit trat 1913 in Samuel W. Gumpertz (1886-1929) Dreamland Circus im Luna Park, auf Coney Island/Brooklyn, bei New York City/USA, auf. 1918 trat sie für den Barnum and Bailey Limited Circus in dessen Sideshow auf. Manager der Barnum and Bailey Circus Sideshows war der bekannte Sideshow-Manager Clyde Nigalls (1876-1940). Madiah war auch unter den Namen Mademoiselle Burilian und Lady Suritha bekannt. MADIAH SURITH MADIAH SURITH | 20.08.1913 Tatour de l`afrique | 02.07.1902
William Boston, eigentlich Anton Höffels Anton Höffels wurde vermutlich 1864 geboren. Als Kind lebte er mit seiner Familie auf Schloß Myllendonk in Korschenbroich nahe der Stadtgrenze zu Mönchengladbach. Sein Vater war im Schloss Myllendonk als Hausmeister angestellt und bewohnte mit seiner Familie die Hausmeisterwohnung. Mit 16 Jahren soll Anton Höffels dann mehrere Jahre zur See gefahren sein und blieb einige Jahre in China. Vermutlich lies er sich auf seinen reisen am ganzen Körper tätowieren. Später tourte er unter seinem Künstlernamen William Boston mit dem Barnum and Bailey Limited Circus durch Europa und die USA. Anton Höffels warb auf Anischts- und Postkarten mit seinen aus Afrika stammenden Tätowierungen. Mit 42 Jahren heiratete er und hatte mit seiner Frau insgesamt sieben Kinder, drei Jungen und vier Mädchen. Wann er starb ist leider nicht bekannt. Literatur- und Quellenverzeichnis: |
Siegmund Breitbarth (1893-1925)
Siegmund Breitbarth wurde vermutlich am 22. Februar 1893 in Stryków bei Łódź/Polen geboren. Er war ausgebildeter Ringer und Artist. Er wurde als „Der Eisenkönig“ bekannt. Der strenggläubige Jude, der schon als Kind durch seine Körperkraft aufgefallen war, wurde nach einem Kurzaufenthalt in Berlin weiter in die USA geschickt um Ringer zu werden. Zurück in Berlin ließ er sich eine Gladiatorenrüstung mit einem „goldenen“ Helm fertigen und lenkte als „Der letzte Gladiator“ eine Quadriga in Festsälen und Arenen. Er verblüffte das Publikum, indem er nicht nur von Zuschauern mitgebrachte Hufeisen zerbrach, sondern sich während seines Auftritts selbst eins schmiedete – aus kaltem Eisen und nur mithilfe seiner Fäuste. Außerdem ließ er große Steine auf seinen Kopf fallen und trieb sich Nägel in seinen Körper. Im Jahr 1923 trat er im Stummfilm „Der Eisenkönig“, Regie Max Neufeld (1887-1967) auf, der Film ist noch erhalten. Siegmund Breitbart starb am 12. Oktober 1925 mit nur 32 Jahren in Berlin an einer Blutvergiftung, nachdem er sich bei einem Auftritt versehentlich einen Stahlbolzen ins Knie getrieben und sich die Wunde anschließend entzündet hatte. Er wurde auf dem Adass-Jisroel-Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt. Seine Bestattung führte zu Tumulten, da der Friedhof nicht auf die große Anzahl von Trauernden eingerichtet war. Die Beisetzung des Eisenkönigs wurde von mehreren Film-Kamerateams festgehalten. |
Eisenkönig Breitbarth II. Artist und |
Suleika | Florida Idona | diverse
|
Suleika Suleika trat unter anderem als "Die tätowierte Schönheit" auf. Sie hatte vornehmlich Damen und Herren Portrais auf ihrem Körper tätowiert. Ihr Impresario (Manager) war Heinrich Sinemus aus der Bergstraße 3, in der Calenberger-Neustadt in Hannover. Laut Adressbuch von 1928/29 war nun die ständige Adresse, die Mittelstraße 10., in der Calenberger-Neustadt.
Suleika, tätowierte Schönheit Florida Idona FLORIDA IDONA, die Perle der Kunst. |
Tätowierte Dame in Unterwäsche auf dem Sofa |
|
|
Fräulein
Marie, tätowierte
Dame,
Mia Askaria, der Stern der
Kunst
Frl. Annette |
Literatur- und Quellenverzeichnis
|
Andreas-Andrew Bornemann / Postkarten / Text ab Verbots-Gesetz vollständig tätowierter Damen... Wer etwas zu berichten oder zu berichtigen hat kann
sich gerne beteiligen. Die Tätowierung in den deutschen
Hafenstädten. Ein Versuch zur Erfassung ihrer
Formen und ihres Bildgutes | Adolf Spamer | Verlag: G.
Winters Buchhandlung, Fr. Quelle Nachf. | 1934 Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers. | 10/2008 |







.jpg)






