Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2012
Stolpersteine
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Stolpersteine in Linden-Limmer

Stolpersteine erinnern an Menschen, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geworden sind. Die Betonsteine werden an ihrem letzten selbst gewählten Wohnort in den Fußweg eingelassen. Eine Messingplatte auf der Oberfläche nennt mit der Inschrift "Hier wohnte..." den Namen, den Geburtstag sowie die Umstände des Todes. Der Künstler Gunter Demnig aus Köln ist Initiator der Stolpersteine. In Hannover erinnern insgesamt 201 Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus.

Stolpersteine für Amelie Meyer, geb. Nussbaum und Norbert Kronenberg

Amalie Meyer, geb. Nussbaum (1880-1941) wurde am 13. Dezember 1880 in Hannover geboren und in erster Ehe mit dem Kaufmann Max Kronenberg (1868-1922) verheiratet. Das Ehepaar war jüdischen Glaubens. Ihr Sohn Norbert Kronenberg (1908-1941) kam am 4. August 1908 zur Welt. Die Ehe mit Max Kronenberg hielt nicht und wurde geschieden. Sohn Norbert wuchs bei seiner Mutter in der Asternstraße 10 in Hannover-Nordstadt auf. Sein Vater Max Kronenberg starb 1922 in Bünde, in Nordrhein-Westfalen.

Am 22. Dezember 1927 heiratete Amalie Meyer in Hannover in zweiter Ehe den in Rotenburg (Wümme) geborenen Kaufmann und Buchhalter Louis Meyer (1876-1942) Auch Louis Meyer war Jude. Das Ehepaar wohnte nun in der Wohnung von Louis Meyer in der Deisterstraße 23 in Linden-Süd. Auch der 19-jährige Norbert Kronenberg zog aus der Asternstraße 10 mit zu seinem Stiefvater Louis Meyer. Da sich Norbert Kronenberg für Technik interessierte, bemühte er sich um einen Arbeitsplatz als Radiotechniker bei der Firma Radio-Menzel. Er hatte Erfolg und wurde von Radio-Menzel eingestellt und arbeitete nun im Geschäft an der Limmerstraße 3. Schon in den Anfangsjahren der nationalsozialistischen Judenverfolgung, überlegte Norbert seine Heimat Deutschland zu verlassen.

Am 3. Mai 1939 zog Elsa Rosenbaum (1914-?) - auch sie war Jüdin - bei Familie Meyer ein. Vorher war sie bis Oktober 1938 als Hausangestellte in Bleicherode, Nordhausen/Thüringen, beschäftigt. In Hannover wohnte Elsa Rosenbaum zunächst in der Röntgenstraße 4, Hannover-List, bevor sie dann in die Wohnung der Familie Meyer umzog. Elsa meldete sich schon am 1. Juni 1939 aus der Deisterstraße wieder ab und wanderte nach Melbourne, St. Klida in Australien aus. Ob zwischen Norbert und Elsa eine Liebesbeziehung bestand, ist unklar.

Am 1. Mai 1940 zogen die Eheleute Meyer mit ihrem Sohn aus der Deisterstraße in die Lützowstraße 3, in Hannover-Mitte, um. Fast ein Jahr später wurde das Haus zu einem sogenannten „Judenhaus". Die jüdischen Bewohner der Lützowstraße 3, darunter auch Amalie und Louis Meyer sowie ihr Sohn Norbert Kronenberg, waren von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) zur Deportation in das Ghetto Riga in Lettland, vorgesehen.

Heinrich Menzel (1903-?), Inhaber von Radio-Menzel wurde im Jahr 1939 als Soldat eingezogen und versuchte Norbert von der Liste der Riga-Deportierten streichen zu lassen. Norbert sollte während seiner Abwesenheit die Geschäftsführung der Firma übernehmen. Die Gestapo lehnte dies jedoch strikt ab.

Louise Meyer wurde wegen einer schweren Erkrankung von der Gestapo vom Rigatransport zurückgestellt und ins Israelitische Krankenhaus, in die Ellernstraße 16, im Hannover-Zooviertel verbracht. Dort starb Louis Meyer am 25. Februar 1942.

Am 15. Dezember 1941 wurde Amalie Meyer mit nur 61 Jahren und Norbert Kronenberg mit nur 33 Jahren in das Ghetto Riga deportiert. Wann Mutter und Sohn genau starben ist unbekannt. 1954 wurden beide vom Amtsgericht Hannover für tot erklärt.

Ihre Namen sind auf dem hannoverschen Mahnmal am Opernplatz verzeichnet. Das Mahnmal besteht seit 1994 und trägt die in Stein eingravierten Namen von rund 2000 deportierten und ermordeten jüdischen Mitbürgern. Am 7. Oktober 2011 wurden zum Gedenken an Amalie Meyer und ihren Sohn Norbert Kronenberg an der Deisterstraße 23 zwei Stolpersteine verlegt. Die Initiative dazu kam von Frau Gabriele Schlüter. Sie kannte Norbert Kronenberg aus den Erzählungen ihrer Eltern, den Inhabern der Firma Radio-Menzel.

Ein Stolperstein für den Widerstandskämpfer Franz Nause

Der Metallarbeiter Franz Nause (1903-1943) wurde am 15. Februar 1903 in Achtum bei Hildesheim geboren und kam in frühen Jahren nach Hannover-Limmer. Er war der engste Mitarbeiter und Vertraute von Werner Blumenberg (1900-1965), Blumberg war der Gründer und Koordinator, der Sozialistischen Front (SF). Noch während seiner Schlosserlehre 1919 trat Franz Nause in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) und 1921 in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein. 1931 trat er dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, einer Schutzorganisation der Weimarer Republik gegen die Nationalsozialisten bei. Von 1921 bis 1932 war Franz Nause als Arbeiter bei der Excelsior-Pneumatic AG, später: Continental Gummi-Werke AG Hannover-Linden in Limmer beschäftigt, und wurde dann im Sommer 1932 arbeitslos.

Nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler (1889-1945) im Jahr 1933 war Franz Nause vier Tage in Haft. Danach baute er als technischer Leiter die Organisation der Sozialistischen Front (SF) auf. Unter seiner Regie erfolgte von April 1933 bis 1936 die illegale Herstellung und Verteilung der vierwöchentlich erscheinenden Sozialistischen Blätter. Sie erreichten eine Auflagenhöhe von 500 bis 1000 Exemplaren, die in Hannover und im Ausland verteilt wurden. Am 30. Juni 1936 verhaftete die Gestapo Franz Nause erneut und er wird vermutlich bis zum 3. August 1937 im Gerichtsgefängnis Hannover inhaftiert, danach kommt er in Untersuchungshaft, ins Gerichtsgefängnis Hildesheim.

Am 23. September 1937 wurde Franz Nause als Rädelsführer wegen Vorbereitung zum Hochverrat vom Volksgerichtshof in Berlin zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Drei Jahre verbrachte er im Zuchthaus Hameln, dann starb Franz Nause am Samstag, den 20. März 1943 im Zuchthaus Brandenburg-Göhrden an den Folgen von Folterungen und Unterernährung.

Seine Urne wurde im April 1943 auf dem Stadtfriedhof Ricklingen in der Abteilung U 43, Nr. 29. beigesetzt. Heute ist sein Grab, ein Ehrengrab der Landeshauptstadt Hannover. 1950 wurde in Hannover-Limmer der ehemalige Gartenweg (wurde um 1900 angelegt) in Franz-Nause-Straße umbenannt.

Am Montag, den 22. März 2010 wurde an der Kesselstraße 19, dem letzten Wohnort Franz Nauses vor seiner Verhaftung, durch den Künstler Gunter Demnig der Stolperstein gesetzt. Die Initiative dazu kam von der Otto-Brenner-Akademie und der Lindener Geschichtswerkstatt.

 

Ein Stolperstein für den Drogisten Herbert August Erhardt von Rainer Hoffschildt

Herbert August Ehrhardt (1901-1942) wurde am 27. Januar 1901 in Gehrden bei Hannover geboren. In den 1930er Jahren wohnte er in der Deisterstraße 16 in Hannover-Linden und betrieb eine gut gehende Drogerie. Eine Zeitzeugin, die Anfang der 1950er Jahre die Drogerie übernahm, beschrieb sein Äußeres: Er erschien ihr groß, etwas stämmig und beleibt. Sein Haar war schon grau. Sie hielt ihn für hilfreich. Ein anderer Zeitzeuge, ein Geschäftsnachbar, beschrieb ihn als gutmütigen Typ und wusste auch von seiner Homosexualität, die er wohl auch kaum verbarg. Wegen seiner Homosexualität wurde er noch vor dem Zweiten Weltkrieg verhaftet und verurteilt. Seine Schwester, die die Drogerie weiterführte, besuchte ihn im Gerichtsgefängnis.

Im Mai 1941 kam Herbert August Ehrhardt in das KZ-Natzweiler und erhielt die Nummer 170. Vorher muss er noch in einem weiteren KZ gewesen sein, denn es wird die weitere Häftlingsnummer 35.845 angegeben. 1942 traf ihn ein Bekannter aus Hannover im KZ-Natzweiler, in Frankreich wieder. Beide waren wegen ihrer Homosexualität hierher gekommen. Er beschrieb ihn als einen fürsorglichen, femininen Typ betulicher Art, der andere gerne verwöhnt. Durch diesen Zeitzeugen, der mehrere Konzentrationslager überlebte, ergaben sich erste Hinweise auf Ehrhardt. Er berichtete über die furchtbaren Verhältnisse im KZ und dass täglich mehrere Häftlinge an den Haftbedingungen starben; er wusste auch, dass Herbert August Ehrhardt dort starb.

Das Foto (ca. 1990 aufgenommen) zeigt das Haus Deisterstraße 16, in dem sich die Drogerie befand.

Neben den Eintragungen im Adressbuch Hannovers fand sich eine Notkarte des Meldeamtes im Stadtarchiv. Auf ihr war die Meldung des Sonderstandesamtes in Arolsen verzeichnet, wonach Herbert August Ehrhardt am 15. November 1942 in Natzweiler verstorben war. Er wurde nur 41 Jahre alt, die Sterbeurkunde nennt als angebliche Todesursache „Uraemie“, also Harnstoffvergiftung.

Am 3. März 2009 wurde durch den Künstler Gunter Demnig in der Deisterstraße 16 der Stolperstein gesetzt.
Die Patenschaft hat Christian Mahnke übernommen.

Stolpersteine für die Familie Speier-Goldschmidt und Wilhelm Bluhm

Es wurden am 3. März 2009 noch weitere sieben Stolpersteine in Hannover-Linden verlegt. In der Blumenauer Straße 18 wurden sechs Steine für die jüdische Familie Speier-Goldschmidt gesetzt.

Für Johanna Goldschmidt (1878-1939) und die Eheleute Hella Goldschmidt (1913-1945) und Hans Goldschmidt (1902-?).

Johanna Goldschmidt, geb. Neuberg wurde 1878 geboren. Um ihrer bevorstehenden Verhaftung zuentgehen, beginn sie am 25. August 1939 Selbstmord. Hella Goldschmidt, geb. Wolffs wurde am 6. Juni 1913 in Aurich geboren, ihr Ehemann Hans wurde am 20. Januar 1902 in Hannover geboren. Die Eheleute wurden am 15. Dezember 1941 in das Ghetto Riga in Lettland deportiert. Hella Goldschmidt starb am 29. März 1945 in Schlewe/Pommern. Wann Hans Goldschmidt starb, ist nicht bekannt.

Für das Ehepaar Else Speier (1898-?) und Ludwig Speier (1887-?) sowie deren Tochter Lore Speier (1923-?).

Else Speier, geb. Goldschmidt wurde am 24. April 1898 in Hannover geboren. Ludwig Speier wurde am 11. Juni 1887 in Heidenbergen geboren und 1938, in das KZ-Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar verschleppt. Wieder zurück in Hannover wurde er, seine Ehefrau und seine Tochter Lore im September 1941 dem sogenannten Judenhaus Lützowstraße 3, in Hannover-Mitte zugewiesen. Tochter Lore Speier wurde am 24. Mai 1923 in Hannover geboren. Die Familie wurde am 15. Dezember 1941 in das Ghetto Riga in Lettland deportiert, ihr Todeszeitpunkt ist unbekannt.

Die Verlegung der Stolpersteine wünschte sich Tamar Feuchtwanger aus Jerusalem in Israel für ihre Familienangehörigen. Frau Feuchtwanger ist im Jahr 1916 in der Eichstraße 1, in der Hannover-List geboren.

    

Stolpersteine für die Familie Speier-Goldschmidt und Wilhelm Bluhm

Wilhelm Bluhm

In der Nedderfeldtstraße 8 wurde ein Stolperstein für den Widerstandskämpfer Wilhelm Bluhm (1898-1942) gesetzt. Seit 1934 war Wilhelm Bluhm Mitglied der Sozialistischen Front (SF), die sich zu einer der größten Widerstandsorganisationen im Dritten Reich, entwickelte und verteilte die von den Nationalsozialisten verbotene Zeitung Sozialistische Blätter. Nach der ersten großen Verhaftungswelle gegen Mitglieder der Organisation übernahm er im Frühjahr 1935 die Leitung der vierten Abteilung Linden-Nord. 1936 wurde die Sozialistische Front zerschlagen, nachdem es der Gestapo (Geheime Staatspolizei) gelungen war, einen Spitzel einzuschleusen. Wilhelm Bluhm wurde am 15. September 1936 in seiner Wohnung in der Nedderfeldstraße 8 festgenommen und zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Hameln absaß. Nach Ende der Strafe nahmen ihn die Nationalsozialisten erneut in Schutzhaft und transportierten ihn, gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Sozialistischen Front, in das KZ-Sachsenhausen, bei Berlin. Dort starb Wilhelm Bluhm am 25. Juli 1942 mit nur 44 Jahren.

Der Stolperstein wurde auf Initiative der Otto-Brenner-Akademie und der Lindener Geschichts-Werkstatt, Lindener Stadtteil-Archiv zur Stadtgeschichte Lindens, Geschichts-Kabinett zur Arbeiter Kulturbewegung verlegt.

Folgende jüdische Mitbürger wohnten auch in der Blumenauerstraße 18:

Gustav Loeb, Helene Loeb und Melitta Loeb

Gustav Loeb (1882-?) wurde am 29. Mai 1882 in Netze geboren. Helene Loeb, geb. Nussbaum (1889-?) wurde am 30. Oktober 1889 in Dernbach geboren. Auch Melitta Loeb, geb. Nussbaum (1882-?) kam am 2. Oktober 1882 in Dermbach zur Welt. Alle drei wurden am 15. Dezember 1941 in das Ghetto Riga in Lettland deportiert, wann Gustav, Helene und Melitta Loeb starben ist nicht bekannt.

Gisela Weinberg und Selma Weinbeg

Auch Gisela Weinberg (1925-1945) geboren am 25. Juni 1925 in Borgholzhausen und Selma Weinberg, geb. Horowitz (1893-?), geboren am 29. Juli 1893 in Winsen/Luhe wohnten in der Blumenauerstraße 18. Beide Frauen wurden am 15. Dezember 1941 in das Ghetto Riga in Lettland deportiert. Gisela und Selma Weinberg waren seit Oktober 1944 im KZ-Stutthof bei Danzig in Polen, wo Gisela am 24. März 1945 umgekommen ist, wann Selma starb, ist nicht bekannt.

Bis heute sind noch keine Stolpersteine für diese Bewohner gesetzt worden.

Stolpersteine für Max und Margarethe Rüdenberg

Die Eheleute Max Rüdenberg (1863-1942) und Margarethe Helene Rüdenberg, geb. Grünberg (1879-1942), erwarben 1897 das Gelände an der Wunstorfer Straße 18 in Limmer. Sie kauften die Gebäude der umgezogenen Maschinenfabrik Jühnke & Lapp sowie das Grundstück der alten Schwanenburg. Die Rüdenbergs errichteten noch im selben Jahr eine Bettfedernfabrik (Import und Reinigung chinesischer Bettfedern und Daunen), mit eigenen Niederlassungen in China. Auf einem Teil des Grundstücks errichteten sie 1898 das Gebäude der neuen Schwanenburg mit Konzertsälen und einer Parkanlage. In der Fabrik fanden 1916 etwa 60 Menschen Arbeit. Die Schwanenburg wurde verpachtet. Während des Ersten Weltkriegs diente die Schwanenburg auch als Kriegslazarett.

Max Rüdenberg war Gründungsmitglied des Warteschulvereins-Limmer und als Schatzmeister auch Mitglied des Vorstandes. Der Warteschulverein erbaute in den Jahren von 1904 bis 1906 das heutige Kinderheim Limmer, wo damals sehr viele Kinder, während ihre Eltern, als Binnenschiffer oder in den Fabriken, in Linden und Limmer arbeiteten, umsorgt wurden. Er war seit 1909, nach der Eingemeindung Limmers in die Stadt Linden, bis Ende 1919 Limmers gewählter Bürgervertreter und von 1920 bis 1925 Mitglied des Rates der Stadt Hannover. Max Rüdenberg war auch Gesellschafter und Geschäftsführer der 1910, von zwanzig Lindener Unternehmern gegründeten, Ladestelle Küchengarten GmbH. Mit anderen gründete der Unternehmer 1916 die Kestnergesellschaft. Die Rüdenbergs besaßen auch eine wertvolle Sammlung “ostasiatischer Kunstgegenstände“.

Die Rüdenbergs waren Juden. Anlass genug, dass sie ab 1933 angefeindet wurden, so dass ihre Kinder Ernst und Eva 1936 und 1939 nach Kapstadt und England emigrierten. Laut Adressbuch von 1934 hatte die Max Rüdenberg GmbH noch einen zweiten Geschäftsführer namens Walter Wiese. Die Rüdenbergs blieben jedoch in Hannover und wurden zum Verkauf ihres Vermögens (die Stadt kaufte am 21. Februar 1942 unter Wert das Grundstück der Schwanenburg in der Wunstorfer Straße 18) genötigt. Um trotzdem auf dem verbleibenden Restgrundstück wohnen bleiben zu können, baute Max Rüdenberg das Obergeschoss eines alten Sortier- und Lagerhauses zu einer 2-Zimmer-Wohnung mit Balkon in der Wunstorfer Straße 16 a aus. Dieses Haus wurde im September 1941 zu einem der 15 Judenhäuser in Hannover deklariert. Im Dezember 1941 wurden 41 Bewohner des Hauses nach Riga deportiert. Mit Verfügung vom 1. Juli 1941 ging das gesamte Vermögen der Rüdenbergs in den Besitz des Deutschen Reiches über. Am 23. Juli 1942 wurden die Eheleute Rüdenberg und weitere 22 Bewohner des Hauses ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Max Rüdenberg stirbt am 26. September 1942 im Alter von 79 Jahren, Margarethe Rüdenberg stirbt am 29. November 1943 im Alter von 64 Jahren. Die Rüdenbergs starben wahrscheinlich an den Folgen der unzureichenden Ernährung und medizinischen Versorgung in Theresienstadt

Am 13. November 2008 wurden zum Gedenken an die Eheleute Max und Margarethe Rüdenberg, an der Wunstorfer Straße 16 a., zwei Stolpersteine verlegt. Am 29. September 2011 wurde der "Heinrich-Kollmann-Weg" am ehemaligen Gelände der Schwanenburg, in "Zur Schwanenburg" umbenannt.

Gustav und Elsbeth Rüdenberg

Max Rüdenbergs Vetter Gustav Rüdenberg (1868-?) geboren am 15. Februar 1868 in Vlotho und seine Frau Elsbeth Rüdenberg, geb. Salmony (1886-?), geboren am 27. Mai 1886 in Köln, betrieben in Hannover eine Buchhandlung und einen Versandhandel für Fotoapparate. Gustav Rüdenberg gehörte wie sein Vetter Max ab 1916 zu den Gründungsstiftern der Kestner-Gesellschaft. Er war auch wie Max Rüdenberg ein begeisterter Kunstsammler. Vor allem Werke des deutschen Spätimpressionismus und Grafiken kennzeichneten seine Sammlung.

Am 15. Dezember 1941 wurden die Eheleute Rüdenberg über den Bahnhof Fischerhof in das Getto Riga in Lettland deportiert. Der Zeitpunkt des Todes der Eheleute Rüdenberg bleibt unbekannt, durch Beschluss des Landgerichts Hannover wurde der Sterbetag auf den 31. März 1942 festgesetzt. Für Elsbeth Rüdenberg stellte das Gericht den 8. Mai 1945 als Todestag fest.

Am 22. März 2010 wurden zum Gedenken an die Eheleute Gustav und Elsbeth Rüdenberg, an der Podbielskistraße 36 in Hannover-Vahrenwald, zwei Stolpersteine verlegt.

Ein Stolperstein für den Zauberkünstler Ernst Schünemann von Rainer Hoffschildt

Der Zauberkünstler Ernst Schünemann (1897-1941) wurde am 11. Februar 1897 in Hannover geboren. [1] Seit seiner Geburt war er mit einigen Unterbrechungen in der Limmerstraße 71 angemeldet. Nach der Schule lernte er Koch. Als Freiwilliger zog er in den Ersten Weltkrieg, kam in Kriegsgefangenschaft und wahrscheinlich erst ab 1920 wieder frei. Zunächst arbeitete er wieder in seinem erlernten Beruf, trat dann aber ab 1924 als Artist und Zauberkünstler auf.

Verhaftung 1939 - Verurteilung - Zuchthaus in Hameln

Anfang 1939 wurde Ernst Schünemann verhaftet und am 7. Februar 1939 im Gerichtsgefängnis Hannover inhaftiert. Er wurde im März 1939 vom Luftwaffengericht Berlin mit drei weiteren Zeugen aus Hannover nach Magdeburg angefordert. Einer von ihnen war der am 7. Mai 1903 in Hannover geborene Richard Lange, der noch 1939 in Hannover verurteilt wurde, und 1941 in polizeiliche Vorbeugungshaft genommen wurde und 1942 als §-175-Häftling im KZ-Mauthausen II in Österreich starb. Zu dieser Gruppe gehörte u. a. auch dessen langjähriger Freund. Einer der Beteiligten hat bei der Luftwaffe gedient. Es handelte sich offensichtlich um einen schwulen Freundeskreis in Hannover. Noch im selben Monat kamen sie nach Hannover zurück. Am 3. Oktober 1939 stand Ernst Schünemann dann selbst vor Gericht.

Das Landgericht Hannover verurteilte ihn aufgrund der Paragraphen 175 und 175a Strafgesetzbuch wegen „widernatürlicher Unzucht“ zu drei Jahren Zuchthaus. Zur Last gelegt wurden ihm 13 Fälle homosexueller Handlungen, darunter auch zwei „Versuche“, die ebenfalls strafbar waren. Weil er anscheinend ein „gewöhnlicher“ Schwuler war, merkte das Gericht die selten geäußerte Meinung an: „Der Angeklagte ist auf dem Gebiet der Unzuchtshandlungen mit Männern ein Gewohnheitsverbrecher, aber kein gefährlicher Gewohnheitsverbrecher ...“ Er war nicht vorbestraft. Noch im selben Monat transportierte man Ernst Schünemann in das Zuchthaus Hameln. Dort wurde er im Februar 1941 mit einer Lungenentzündung in das Anstaltslazarett eingeliefert. Seine Krankheit verschlimmerte sich. Am 14. Februar 1941 teilte die Anstalt seiner Mutter in Hannover mit, dass ihr Sohn in das Stadtkrankenhaus Hameln verlegt worden sei. Am selben Tag verstarb er im Alter von nur 44 Jahren. Sein Tod dürfte auch durch die schrecklichen Haftbedingungen im Zuchthaus Hameln verursacht worden sein.

Am 13. November 2008 wurde durch den Kölner Künstler Gunter Demnig in der Limmerstraße 71 der Stolperstein gesetzt. Die Patenschaft für seinen Stolperstein hat Detlef Simon, der Zauberkünstler und Entertainer Desimo, übernommen.

                

Die zeitgemäße Postkarte zeigt das Haus, in dem der Artist und Zauberkünstler Ernst Schünemann wohnte. Es ist das zweite Haus nach dem Eckhaus auf der linken Seite der Limmerstraße in Hannover-Linden.

Tod im Zuchthaus - Ein „Stolperstein“ für den Zauberkünstler Ernst Schünemann

halloSonntag vom 9. November 2008

LINDEN-NORD. Gunter Demnig, seit geraumer Zeit bundesweit in Sachen seines Kunstprojektes „Stolpersteine“ unterwegs, wird am Donnerstag, 13. November, um 15.30 Uhr an der Limmerstraße 71 einen „Stolperstein“ für den im Februar 1941 verstorbenen homosexuellen Zauberkünstler und Artisten Ernst Schünemann verlegen.

Ernst Schünemann, der bis zu seiner Verhaftung durch die Nationalsozialisten Anfang 1939 im Haus Limmerstraße 71 gemeldet war, wurde am 3. Oktober 1939 vom Landgericht Hannover auf Grundlage der Paragraphen 175 und 175a des Strafgesetz- buches wegen „widernatürlicher Unzucht“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Noch im selben Monat transportierte man ihn in das Zuchthaus Hameln. Zwei Jahre später, am 14. Februar 1941, wurde Ernst Schünemann mit einer schweren Lungen- entzündung vom Anstaltslazaret in das Stadtkrankenhaus Hameln verlegt. Er verstarb am selben Tag im Alter von 44 Jahren. Die Patenschaft für den „Stolperstein“ Ernst Schünemanns wird der Zauberkünstler und Entertainer Detlef Simon („Desimo“) übernehmen.

Eine zeitgenössische Postkarte aus dem Archiv von Andreas-Andrew Bornemann zeigt das Gebäude, in dem der Zauberkünstler Ernst Schünemann bis zu seiner Verhaftung wohnte. Es ist das zweite Haus nach dem Eckhaus auf der linken Seite der Limmerstraße.

Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit seinem Kunstprojekt „Stolpersteine“ an Menschen, die zu Opfern des NS-Regimes wurden. Die „Stolpersteine“ werden von Demnig dort ins Trottoir gesetzt, wo diese Menschen ihren letzten selbstgewählten Wohnort hatten. Für weitere „Stolpersteine“ in Limmer und Linden setzt sich aktuell die Geschichtswerkstatt der Otto-Brenner-Akademie ein. Sie sollen an die während der NS-Zeit ermordeten Antifaschisten und Widerstandskämpfer Franz Nause (Limmer) und Wilhelm Bluhm (Linden) erinnern.

 

Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung
von © halloSonntag

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Fotos / Postkarte / Text - Stolpersteine für Max und Margarethe Rüdenberg, Familie Speier-Goldschmidt, Wilhelm Bluhm, Franz Nause, Amelie Meyer und Norbert Kronenberg
Rainer Hoffschildt / Foto / Text - Ein Stolperstein für Herbert August Erhardt und Ernst Schünemann

Wer etwas zu berichten oder zu berichtigen hat kann sich gerne beteiligen.
Einfach eine E-Mail an mich senden und mitmachen.

Adress- und Fernsprechbücher der Stadt Hannover
Abgeschoben in den Tod | Die Deportation von 1001 jüdischen HannoveranernInnen am 15. Dezember 1941 nach Riga
| Ausstellungskatalog | Julia Berlit-Jackstein, Dr. Karljosef Kreter | Hahnsche Buchhandlung Hannover | 2011
Geschichte der Stadt Hannover I/II | Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein | Schlütersche Verlag | 1994
Namen und Schicksale der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus aus Hannover | Peter Schulze | Verein zur Förderung des Wissens über jüdische Geschichte und Kultur e.V. | 1995
Netzwerk Erinnerung und Zukunft Region Hannover - www.erinnernundzukunft.de
Der Novemberpogrom 1938 in Hannover | Dr. Wolf Dieter Mechler, Carl Philipp Nies M.A. | Stadt Hannover | 2008
Stadtarchiv Hannover
Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart
| Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein |
Schlütersche GmbH & Co. KG Verlag und Druckerei | 2009
Wikipedia - Die freie Enzyklopädie

[1] 1. Haftakte, Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv Hannover Hann. 86 Hameln 143/90, 1939/260;
      2. Meldekarte aus dem Stadtarchiv Hannover.

Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. 11/2008 | 02/2009 | 03/2010 | 10/2011