Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2012
Schaubuden-Menschen | Kolossal-Menschen | Lionel der Löwenmensch
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Schaubuden-Menschen | Kolossalmenschen | Lionel der Löwenmensch

Um die Jahrhundertwende stellten Abnormitätenkabinette körperliche Behinderungen zur Schau. Ansichts- und Postkarten wie die hier abgebildeten, wurden auf den diversen Jahrmärkten als Souvenirs an die zahlreichen Besucher verkauft.

           

                Zur Erinnerung an die Kolossal-Geschwister.                 Die Liliputaner - Dir. Mm. Mauthner | 25.02.1904

In den USA nannte man diese Attraktionen Sideshows. Eine Sideshow war ein spektakuläres Beiprogramm von Zirkus- oder Jahrmarktsveranstaltungen für ein Publikum aus einfachen Verhältnissen. Die Sideshow konnte eine Abnormitätenschau, eine Art Völkerschau, ein Varieté-Programm wie das US-Vaudeville (eine Mischung aus Varieté und Zirkusprogramm), oder eine erotische Darbietung wie die Burlesque sein. Zu den letzten regelmäßigen Sideshows mit humorvoll-historistischem Anstrich gehören die Sideshows by the Seashore auf Coney Island, bei New York City, in den USA.

         

      Spectators Boxes in Luna Park Coney Island | 08.08.1906     Luna Park Surf Avenue by Night Coney Island N. Y.
                                                                                                                            27.09.1918

Castans Panoptikum | Berliner Passage-Panoptikum

Castans Panoptikum war ein Berliner Wachsfigurenkabinett. Inhaber des von 1869 bis 1922 bestehenden Panoptikums waren die Gebrüder Louis Castan (1828-1909) und der Bildhauer Gustave Castan (1836-1899). Neben dem Hauptgeschäft am Schlossplatz in Berlin gab es auch Filialen in Köln, Frankfurt am Main, Dresden, Breslau und auch in Brüssel/Belgien.

Ein Brand zerstörte 1872 die Berliner Ausstellungsräume, sodass sich die Brüder nach einem anderen Standort umsahen und mit ihrer Ausstellung im Jahr 1873 in die neu eröffnete Kaisergalerie in der Berliner Friedrichstraße umzogen.

In den 1880er Jahren hatte sich Castans Panoptikum derart vergrößert, dass 1888 ein erneuter Umzug erforderlich wurde. Im gegenüberliegenden neu erbauten Haus der Münchener Pschorr-Brauerei residierte man nun über vier Etagen. Dort machte man dem nur ein paar Schritte entfernten, von einer neu gegründeten Gesellschaft, eröffneten Berliner Passage-Panoptikum in der Friedrichstraße (Kaisergalerie) Konkurrenz.

Ausgestellt wurden bedeutende Gestalten der Weltgeschichte, medizinische „Monstrositäten“ sowie Angehörige fremder Kulturen und Völker. Hauptschaustücke des Panoptikums waren die berühmten Persönlichkeiten, die der Bildhauer Gustave Castan in Wachs verewigt hatte. Seine lebensgroßen Figuren wurden oft als Teil von Szenerien ausgestellt. Die Wachsfiguren ehrenwerter Persönlichkeiten standen oft nicht weit entfernt von Massenmördern wie zum Beispiel Jack the Ripper. Es kam nicht selten vor das an einem einzigen Wochenende bis zu 10.000 Besucher das Panoptikum besuchten.

Friedrichstraße (Passage) | 26.12.1915

Ansicht auf den Eingangsbericht des Berliner Panoptikums (mitte), in der Friedrichstraße (Kaisergalerie). Links befindet sich Castan’s Panoptikum im Gebäude der Pschorr-Brauerei.

Neben der Dauerausstellung traten, auch wechselnd und in speziellen Räumen, lebende Menschen auf: Sänger, Tänzer, Instrumentalgruppen, Bauchredner oder Hungerkünstler, Kolossalmenschen, Riesen und Liliputaner, abnorm Behaarte oder Andere, die körperlich nicht der Norm entsprachen. Auch lebende Tiere, vermittelt durch Karl Hagenbeck (1844-1913), gab es.

1922 schloss Castans Panoptikum, ein Jahr später, 1923 wurde auch das 1888 eröffnete Passage-Panoptikum geschlossen.

Kolossal-Menschen

            

        Flora Le Dirt die schönste und      Gruß von Max Nauke dem schwersten Miss Käthe einzig reisende tätowierte
   schwerste Riesendame der Jetztzeit        Kolossalmensch der Gegenwart       Kolossal-Dame Ohne Konkurrenz
                                                            ca. 500 Pfund schwer | 04.05.1905                     07.07.1907

Max Nauke

Der Kolossalmensch Max Nauke (angeblich 500 Pfund schwer) war Berliner und trat nur gelegentlich auf Jahrmärkten auf.

Tischlermeister Feig aus Kellenhusen

Die dickste Eiche und Deutschlands dicksten Mann, seht euch in Ostseebad Kellenhusen an! Mit dieser Überschrift wurden Kellenhusener Postkarten versehen. Der Text entsprach der Wahrheit. Die größte Eiche stand im Kellenhusener Forst und hatte einen Umfang von 9.20 m, eine Höhe von 38 m und einen Durchmesser von 3,05 m. Der Kellenhusener Tischlermeister Feig wog 500 Pfund. Er war Deutschlands schwerster Mann und musste wegen seiner Dicke seinen Beruf als Tischler aufgeben.

              

              Maria, das beliebteste              Die dickste Eiche und Deutschlands   Irma das jugendliche Kollossal-Mädchen 
      Kolossal-Mädchen (ca. 300 Pfd.)            dicksten Mann, seht euch in        das schwerste was je gelebt. | 21.12.1922
                                                                 Ostseebad Kellenhusen an!

Toni Mochty

Toni Mochty war nicht nur drei Zentner schwer, er hatte auch 24 Finger und Zehen. An jeder Hand sechs Finger und an jedem Fuß sechs Zehen. Sein Manager (Impresaio) war Heinrich Tischer aus Leipzig/Lindenthaler Straße 14. Angeblich soll sich ein Spediteur beim Verladen des schweren Zirkus-Riesen verhoben haben und drei Tage später an Nieren-Bluten gestorben sein.

Emmy

Emmy war eine Deutsche Kolossalfau, die mal als schwerstes Mädchen der Gegenwart und mal als die dicke Emmy auftrat. 1928 war sie auf dem Bad Arolser Kram- und Viehmarkt in Hessen zusehen. Vermutlich hieß sie mit Nachnamen Lanternbach.

                          

      Zum Andenken an das lebende              Emlék Teréziatól | 20.05.1901                   Zum Andenken an "Emmy",
          Naturwunder Toni Mochty.                                                                         den weiblichen Koloß das schwerste 
                                                                                                                                Mädchen der Gegenwart

Lionel der Löwenmensch (1892-1931/32), eigentlich Stephan Bibrowsky

Lionel der Löwenmensch war der Künstlername von Stephan Bibrowsky, der als Zirkusattraktion mit verschiedenen Zirkusunternehmen die Welt bereiste.

Er wurde 1892 in Bielsk bei Warschau, in Polen geboren. Schon als Vierjähriger wurde Stephan, der unter Hypertrichose litt, von einem deutschen Manager namens A. Joseph Sedlmeyer aus Stuttgart entdeckt und zur Attraktion einer Kuriositäten- schau gemacht; später reiste er fünf Jahre als "Lionel der Löwenmensch" mit dem Barnum and Bailey Circus in einer Sondershow durch die USA. Nach dem sein Vertrag auslief, Lionel war bereits 16 Jahre alt, kam er 1908 nach Deutschland zurück und wurde für das Oktoberfest in München engagiert.

 

Andenken an Lionel, den Löwenmensch, 17 Jahre alt

Andenken an Lionel, den Löwenmensch, 16 Jahre alt | 1906

Der 23. August 1908 war sein erster öffentlicher Auftritt in Deutschland, und das Ergebnis war bemerkenswert. Mehr als 200.000 Menschen besuchten die "Lionel Exhibit Show", bis 1912 reiste er durch ganz Deutschland, machte aber 1907 in Wien Station, um im Prater aufzutreten. Das Jahr 1912 war ein unglückliches Jahr für ihn. Während er eine Zigarette rauchte, fingen seine Haare Feuer, Lionel wurde so schwer verletzt, dass er gezwungen war ein Jahr zu pausieren

Seinen ersten Auftritt, nach dem Ersten Weltkrieg hatte Lionel im April 1918 im Colosseum, in Essen. 1923 startet die „Lionel Dreamland Circus Side Show“ und im Jahr 1924 ging er mit dem Ringling Brothers and Barnum & Bailey Limited Circus auf große Welttournee.

Lionel, der bei seinen Auftritten seine lange, blonde Körperbehaarung präsentierte, sein Gesicht zu einer Löwenmaske stilisierte und kolportieren ließ, seine Mutter habe sich während der Schwangerschaft an einem Löwen "versehen", war ein gebildeter Mann, der fünf Sprachen perfekt schreiben und sprechen konnte. Stephan (Lionel) Bibrowsky soll sich im alter von 40 Jahren vom Showbiz zurückgezogen haben. Andere Quellen meinen er starb im Jahr 1931 in einem Berliner Krankenhaus oder 1934 im Alter von 42 Jahren an Herzversagen in Italien.

Noch heute sind Ansichts- und Postkarten, wie oben zu sehen, im Umlauf, die Stephan Bibrowsky nur halb bekleidet und in "Löwenpose" zeigen. Carl Zuckmayer (1896-1977) nimmt das Motiv des Löwenmenschen 1959 in seinem Werk (erzählende Prosa) "Die Fastnachtsbeichte" auf. In der Ausstellung Schau mich an. Wiener Porträts in der Hermesvilla war 2006/07 ein Bild des Löwenmenschen zu sehen, das von Wilhelm Scharmann um 1910 geschaffen wurde. - Als Hypertrichose bezeichnet man das Symptom einer über das übliche Maß an geschlechtsspezifischer Behaarung hinausgehende, die Haardichte.

Lionel der Löwenmensch

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Postkarten / Text

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Angelika Friederici - www.castans-panopticum.de
Tom Hernandez
- www.quasi-modo.net 
Stefan Nagel - www.riesendame.blogspot.com / www.schaubuden.de
Wikipedia - Die freie Enzyklopädie