Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017
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Mellini-Theater (Operetten- und Varieté-Theater)

Der Zauberkünstler, Schausteller und Theatergründer Hermann Mehl (1843-1923) kam in den 1880er-Jahren nach Hannover und trat dort unter seinem Künstlernamen "Hermann Mellini" auf. 1889 ließ er in der damaligen Artilleriestraße 10. (seit 1953: Kurt-Schumacher-Straße 25/27.), in Hannover-Mitte, ein Operetten- und Varieté-Theater mit 2000 Plätzen errichten. Das Mellini-Theater wurde am 7. September 1889 nach nur fünf Monaten Bauzeit eröffnet. Die Bühne war 17,0 Meter hoch, 14,0 Meter breit und 12,0 Meter tief. Die Architekten waren der aus Blankenburg im Harz, in Sachsen-Anhalt stammende Architekt Theodor Hecht (1850-1917) und der Architekt Heinrich Siepmann (1850-1892). Der Giebel des Gebäudes war mit symbolischen Darstellungen des Tanzes, des Gesangs und der Akrobatik des Bildhauers Carl Dopmeyer (1824-1899) geschmückt. Das Deckengemälde im Theatersaal schuf der in Hannover geborene Maler und Kunstprofessor Ernst Pasqual Jordan (1858-1924).

 

Gruss aus dem Mellini-Theater | 1897

Mellini-Theater | 15.10.1911

Hermann (Mellini) Mehl (1843-1923), Zaubererkünstler, Schausteller und Theatergründer

Hermann Mehl wurde am 17. Dezember 1843 als Sohn des Schaustellers August Mehl in Schönebeck/Sachsen-Anhalt geboren. Er legte sich den Künstlernamen “Mellini“ zu und bereiste als Zaubererkünstler Deutschland, Österreich (trat 1881 in den Wiener Blumensälen auf), Ungarn, die Türkei, Russland, Skandinavien und die Schweiz, ehe er um 1882 das Odeontheater in Hannover übernahm. Nachdem er mit dem Odeontheater keinen Erfolg gehabt hatte, erwarb er das Willarelsche Museum und ging damit auf Reisen. Das Museum stieß er jedoch bald wieder ab, um 1887 nach Hannover zurückzukehren, wo er 1889 das Mellini-Theater gründete. Das Theater blieb bis ca. 1896 in seinem Besitz. Eigentümer und Direktor war danach Fritz Kirchhoff. Auch nach dem Verkauf des Mellini-Theaters hatte er noch die künstlerische Leitung des Hauses inne. Am 25. August 1923 starb Hermann (Mellini) Mehl in Berlin.

Zu Hermann "Mellini" Mehls Tricks gehörten die elektrische Trommel, der Goldfischfang, der Talerfang, der Ibykuskopf, der tanzende Hampelmann, physikalische Tricks mit 85 Piecen, die Entenjagd, die Selbstenthauptung, Sphynx und die rätselhafte Erscheinung, der verschwundene und doch sprechende Mensch, Protheus, Metamorphosen und der Wunderschrank.

Walter Jankuhn (1888-1953), Operettentenor und Schauspieler

Walter Jankuhn wurde am 14. Juli 1888 in Königsberg/Preußen (heute Kaliningrad/Russland), geboren. Der spätere Operettentenor und Schauspieler hatte nach seiner Ausbildung als Sänger diverse Engagements am Mellini-Theater. Ab 1892 sang und spielte er dann auch an Berliner Bühnen. Walter Jankuhn gehörte später zu den bekanntesten Operettentenören Berlins der 1920er und 1930er-Jahre. Er starb am 22. Mai 1953 in Berlin-Schöneberg.

Die "Lebenden Photographien" der Madame Olinka

Ab 1897 tauchten erstmals laufende Bilder als Teil von Varieté-Vorstellungen auf, dies waren die "Lebenden Photographien" der Madame Olinka. Wer sich hinter dem Künstlernamen Madame Olinka verbarg ist unbekannt. Im Februar 1897 waren ihre Filmvorführungen im Mellini-Theater zu sehen. Das Theater zeigte bald darauf regelmäßig zum Abschluss der Vorstellungen "Lebende Photographien". Damit sind in Hannover sehr früh die typischen Strukturen von Varieté mit Film (Kino) entwickelt.

Artilleriestrasse u. Mellinitheater | 21.10.1913

Mellini-Theater
Walter Jankuhn als "Hans" im Singspiel "Hannerl".

Eintrittskarte (Balcon Sitz No. 115 links) des
Mellini-Theater Saison 1906/07

Dank an Julia Klasen - Theaterkarten Sammlung Klasen

Casino-Restaurant Feuering und Verkauf des Theaters

Neben dem Mellini-Theater befand sich das Casion-Restaurant von Heinrich Feuering. Das Restaurant in der Artilleriestraße 11. war einer der vornehmsten Gastronomiebetriebe in der Stadt Hannover. Vor 1895 wurde das Mellini-Theater inklusive dem Gebäude verkauft; Hermann (Mellini) Mehl blieb aber auch weiterhin künstlerischer Leiter des Theaters und L. Matzenauer wurde Kapellmeister. Eigentümer und Direktor des Theaters war nun Fritz Kirchhoff. Im Theater fand 1906 die Ringkampf- veranstaltung "Internationale Ringkampf-Konkurrenz" statt. Veranstalter war der Internationale Ringer Verband (IRV Berlin). Ab 1910 wurde damit begonnen, das Mellini-Theater aufwendig zu renovieren und der Innenraum wurde umgestaltet.

Gruss aus Casino-Restarant, Inhaber H. Feuering Artilleriestrasse 11 | 18.01.1897

Gruss aus dem Mellini-Theater Hannover | 01.12.1913

Adolf Wohlauer (1893-1943), Dirigent und Komponist

Der jüdische Dirigent und Komponist Adolf Wohlauer, er war seit 1921 auch Inhaber eines Notenschreibbüros in Berlin, war 1913 noch während seiner Studienzeit, in Hannover, Kapellmeister am Mellini-Theater. Am Freitag, den 29. Januar 1943 wurde er in das Konzentrationslager (KZ) Auschwitz im damals deutsch besetzten Polen deportiert, seitdem gilt er als verschollen.

Rudolf Senius (1866-1920), Theater- und Filmschauspieler | Heinrich Berté (1857-1924), Komponist

Von 1915 bis 1918 war der Theater- und Filmschauspieler Rudolf Senius (1866-1920) am Mellini-Theater beschäftigt. Mit großem Erfolg wurde 1916 das Singspiel "Das Dreimäderlhaus" des aus Österreich stammenden Komponisten Heinrich Berté (1857-1924), eigentlich Heinrich Bettelheim aufgeführt.

Förster-Christel, Mellini-Theater
Schlußscene II. Akt | 18.05.1915

 

Operettentheater und "Kraft durch Freude (KdF)" Theater

Anton Lögen jun. beantragte 1924 die Übernahme der Konzession für das Mellini-Theater bei der Reichstheaterkammer (RTK). Er war seit 1907 auch Direktor des Zentral-Theaters (1.800 Plätze) in Magdeburg/Sachsen-Anhalt. Das Mellini-Theater wurde dann 1930 von Anton Lölgen jun. gekauft. Er wandelte zusammen mit seinem Oberspielleiter Fritz Petzold das Haus in ein reines Operettentheater um. Man führte im gleichen Jahr unter anderem die Operette "Die Hose des Tenors" und als Gastspiel "Dienstmann Nr. 48" unter der Regie von Wilhelm Hartstein, auf.

Programmheft des Mellini-Theaters in Hannover, Direktion Anton Lölgen jun. | um 1930

Ab 1939 begann man das Haus zu sanieren und im Oktober 1939 wurde die Wiedereröffnung gefeiert. Die Umbauarbeiten wurden durch den Göttinger Architekten Diez Brandi (1901-1985) durchgeführt. Er ließ die Fassade im Stil der Architektur des NS-Regimes umgestalten. Von 1939 bis 1945 war das Mellini-Theater ein Teil des "Kraft durch Freude (KdF)" Programms der Nationalsozialisten. Ebenfalls von 1939 bis 1941 trat die in Hamburg geborene Volksschauspielerin Brigitte Mira (1910-2005) hier auf, auch der Regisseur und Theaterschauspieler Franz Köchel und der österreichische Heldentenor, Kammer- und Operettensänger Hans Beirer (1911-1993) feierten im Mellini-Theater erste Bühnenerfolge.

Mellini-Theater Foyer | 28.11.1917

Mellini-Theater Vestibül | 16.06.1918

Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, die Kammerspiele Hannover und der Abriss

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Mellini-Theater 1943 durch Fliegerbomben stark beschädigt. Nach umfangreichen Aufräumungsarbeiten in den Kellerräumen des Theaters, wurden dort 1946 zeitweise die neu gegründeten Kammerspiele Hannover, unter der Leitung von Jürgen von Alten (1903-1994) und Hans-Günther von Klöden (1907-1986) eröffnet. Man führte unter anderem Bertolt Brechts (1898-1956) Dreigroschenoper auf. 1954 wurde das Gebäude abgerissen. Heute befindet sich auf dem Grundstück die Hauptgeschäftsstelle der Hannoverschen Volksbank eG., die Bank ist eine Genossenschaftsbank.

Mellini-Theater Tunnel | 02.12.1918

Mellini-Theater Zuschauerraum | 21.12.1923

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Postkarten / Text

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Ausstellungskatalog: Lichtspielträume - Kino in Hannover 1896-1991 | Rolf Aurich, Susanne Fuhrmann, Pamela Müller | Gesellschaft für Filmstudien e.V. (GFS) | 1991
Geschichte der Stadt Hannover II | Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein | Schlütersche Verlag | 1994
1939. Hannovers Weg in den Zweiten Weltkrieg | Wolfgang Steinweg | Verlagsgesellschaft Madsack Hannover | 1989
Hannover, Die Grosstadt im Grünen | Fr. Stadelmann | Verkehrs-Verein Hannover e.V., Hannover | 1927
Hannover, Kunst-Lexikon und Kultur-Lexikon | Helmut Knocke, Hugo Thielen | Schäfer Verlag Hannover | 1994
Heimatfront Hannover - Kriegsalltag 1914-1918 | Schriften des Historischen Museums Hannover (HMH) | 2014
Programmheft - Mellini-Theater in Hannover, Direktion Anton Lölgen jun. | um 1930
Stadtarchiv Hannover
Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart | Dr. Klaus Mlynek, Dr. Waldemar R. Röhrbein | Schlütersche GmbH & Co. KG Verlag und Druckerei | 2009
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