Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017
Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden
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Erinnerungen an den "Schwarzen Bär" von Gisela Pape

Die Buchhändlerin Gisela Pape beschreibt den Schwarzen Bären im Wandel der Zeit.

Als junges Mädchen bin ich fast täglich über den Schwarzen Bären zu meiner Lehrfirma in der Innenstadt geradelt, nie hätte ich gedacht, dass mich die Geschichte dieser Stätte einmal interessieren könnte. Doch als ich 1965 hier in der Buchhandlung Gebr. Hartmann meine buchhändlerische Heimat fand, begann ich nach den Wurzeln zu graben und fand sie im 30jährigen Krieg. Seinerzeit galt Hannover als uneinnehmbar, weder kaiserliche noch schwedische Truppen hatten mit Belagerungen Erfolg. Darum verlegte im Jahr 1636 Herzog Georg von Braunschweig und Lüneburg seine Residenz in diese sicherste Stadt seines Reiches. Die Dörfer vor den Toren der Stadt hatten jedoch schlimme Zeiten, vor allem Linden, so frei und leicht von Westen zugänglich. Hier wurde geplündert und gebrandschatzt, viele Bewohner wurden ermordet oder flohen. Die Lebensmittel in Hannover müssen mangels Nachschub karg gewesen sein.

Darum kaufte der Herzog im abflauenden Kriegsgeschehen 1646 dreißig Morgen Land östlich des Dorfes Linden an der Ihme und ließ dort einen Küchengarten zur Versorgung des Hofes anlegen, der später auch zum Lustwandeln in diesen Garten kam, in dem Obst- und Gemüsekulturen angelegt wurden und auch Fischteiche. Später kam noch ein Jagdhaus dazu, von dem aus man zur Jagd in den Deister aufbrach. Es herrschte also rege Tätigkeit, infolge derer 1. das Dorf Linden schnell aufblühte und 2. bereits 1646 an der Ihmebrücke zwei Gasthäuser existierten: der Falkonierkrug und der Schwarze Bär (Hengstmannscher Krug). In den nächsten 200 Jahre wuchs um Küchengarten – Schwarzer Bär zunächst ein gewerblich geprägtes Neu-Linden, welches bald mit dem ursprünglichen Ortsteil vereinigt wurde. Lange Zeit schien es, als sollte Linden ein Villenvorort von Hannover werden, denn viele Hannoveraner bauten sich Landhäuser in der besseren Luft vor den Toren ihrer Stadt.

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchs und veränderte sich Linden allerdings explosionsartig. Zunächst im Norden und Süden des Ortes wurden Fabriken gegründet, die Scharen von Landarbeitern anzogen, welche durch die Technisierung der Landwirtschaft überflüssig geworden waren. Es entstand Wohnungsnot. Um dieser zu begegnen, wurden in der Nähe der Fabriken Wohnhäuser für die Arbeiter gebaut, meist kleine, einstöckige Häuser. Etliche Bauern parzellierten ihr Land, darauf entstanden mehrstöckige Mietshäuser, die bei aller Zweckmäßigkeit durchaus auch ästhetisch ansprechend waren. Um 1900 war Linden ein stark bevölkerter Industriestandort, der Schwarze Bär ein länglich geprägter Gasthof mit großzügigen Räumen, der ein Zentrum bildete für gesellschaftliche und auch politische Zusammenkünfte. Die Bevölkerung Lindens war jedoch zum größten Teil minderbemittelt. Als 1901 der junge Bürgermeister Lodemann ins Amt kam, war sein Bestreben, ein finanzstarkes Bürgertum nach Linden-Mitte zu ziehen. Unter seinem Einfluss wurden bestehende Bauten verschönert, Neubauten entstanden, die vom Jugendstil beeinflusst waren, wie auch der Schwarze Bär zu einem prachtvollen Jugendstilbau umgewandelt wurden (in Hannover gab es nichts Schöneres). Mehr denn je wurde er geselliger Mittelpunkt Lindens. Leider ist das Gebäude im Zweiten Weltkrieg untergegangen, viele der damals errichteten Bauten erfreuen heute noch das Auge. Unser Kunde Heinrich Theissing machte, bevor er nach Süddeutschland zog, eine Fotoserie von ihnen.

Was Lodemann nicht gelang, war, den Platz „Schwarzer Bär“, längst war der Name des Gasthofes auf den Platz davor übergegangen, gärtnerisch zu gestalten zu lassen, wie das ihm mit dem Pfarrlandplatz und Lindener Markt gelungen war. Die Polizeidirektion bestand im Hinblick auf den erstarkenden Verkehr auf einer verkehrsgerechten Kreuzung. Leider existieren die Gartenpläne nicht mehr, unvernünftig war der Protest der Polizei sicher nicht. Man hatte schon den Wochenmarkt aus Platzgründen zum jetzigen Lindener Marktplatz verlegt. Eine Pferdebahn ging bereits seit 1878 vom Schwarzen Bären für einen Guten-Groschen zum Bahnhof in Hannover, nach der Elektrifizierung kamen die Straßenbahnen Richtung Ricklingen hinzu und Badenstedt, im weiteren Verlauf nach Gehrden und Barsinghausen. Wobei nicht nur Personenzüge verkehrten, sondern auch Lastentransporte. Bei Schichtwechsel in den Fabriken fuhren Heere von Radfahrern von Nord nach Süd um umgekehrt durch Deisterstraße und Blumenauer Straße über den Schwarzen Bären, der Autoverkehr gewann an Bedeutung. Besonderen Glanz erhielt der Schwarze Bär anlässlich eines Kaiserbesuchs. Wilhelm II. überquerte ihn auf dem Wege zur Jagd in Springe.

Der Erste Weltkrieg konnte der Lebhaftigkeit des Platzes wenig anhaben. So hatten in den letzten Kriegstagen, im September 1918, der Buchhändler Hans Klinge und die Brüder Hartmann, zwei Lindener Kaufleute, den Mut, im Haus Schwarzen Bären 7. eine Buchhandlung zu eröffnen. Zunächst im Eckladen (jetzt: Havanna Star Bar), später in dem Laden, den jetzt Rosenstolz innehat. Dort war das Schuhgeschäft Salamander ausgezogen, die Ladeneinrichtung wurde übernommen, bis Anfang der 1970er Jahre haben die Regale treulich die Literatur der Welt beherbergt. Mit Beginn der 1920er Jahre verließen die Brüder Hartmann die Firma, unter dem Logo Geha gründeten sie eine Fabrik für Bürobedarf, der ausgeschriebene Name Gebr. Hartmann blieb der Buchhandlung. Mit Kompetenz und kaufmännischem Geschick führte Herr Klinge mit Hilfe seiner ganzen Familie das Geschäft durch politisch und wirtschaftlich schwierige Zeiten. In seinen Jugenderinnerungen würdigt der Dichter und ehemalige Humboldtschüler Edzard Schaper den „honorigen" Buchhändler Hans Klinge“. Als während des Zweiten Weltkriegs Bücher knapp wurden, betrieb die Buchhandlung eine Leihbücherei und als zum Kriegsende 80 Bücherkisten aus der Bibliothek der Familie Laporte erworben wurden (zum Teil noch mit dem Ex Libris Dorothea Egestorff), war das der Anfang eines Antiquariats. Ein kleiner Verlag brachte Kunstdrucke und einen Kalender nach Aquarellen von Karl Hapke heraus. Dieser hatte vor dem Krieg Gebäude und Straßen Alt-Hannovers gezeichnet, diese Zeugnisse einer untergegangenen Stadt wurden geschätzt. Ende der 1960er Jahre kaufte die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) noch Druckrechte zu diesen Blättern und veröffentlichte sie in ihrem Kalender „Am Hohen Ufer“.

Der Krieg hatte natürlich auch Linden mit Bombardement und Demontage nach Kriegsende hart betroffen. Am Schwarzen Bären waren die Häuser 1 – 7 geblieben, auch das Dunkelbergsche Haus Ecke Minister-Stüve-Straße, doch das Prachtgebäude „Schwarzer Bär“ und Beginn der Deisterstraße waren zerstört, sowie Großteile der Falkenstraße. Doch als ich 1965 in die Buchhandlung Gebr. Hartmann eintrat, waren die meisten Lücken, wenn auch z. T. behelfsmäßig, geschlossen. Der „Schwarze Bär“ war als nüchterner 1950er Jahre-Bau wiedererstanden, unten gab es das Restaurant Bärenhöhle, im ersten Stock einen Festsaal, in dem schon 1957 mein Verein ehemaliger Mittelschüler einen Stiftungsball veranstaltete. Im Viereck Ihmebrücke – Krankenhaus Linden – Woolworth – Post existierten etwa 50 Einzelhändler, im näheren Umkreis gab es noch etliche Fabriken, dazu kleinere Gewerbe-Betriebe. An der Einmündung der Falkenstraße stand der dicke Fischer – seines Zeichens Verkehrspolizist – und sorgte streng und gerecht dafür, dass vom Fußgänger bis zum Pferdegespann der Lindener Aktien-Brauerei jeder zu seinem Recht kam.

So begann meine Tätigkeit an einem belebten Lindener Zentrum in einer lebhaften, literarisch geprägten Buchhandlung. Hatten wir in der Innenstadt vorwiegend mit Behörden zu tun, waren es hier vor allem Schulen, die mit ihrem Jahresablauf auch unseren beeinflussten. Seltsam war es zuerst, die ehemaligen Lehrer nun als Kunden an- zusprechen. Doch mit der korrekten Haltung, die sie schon in der MM 3 gezeigt hatten, respektierten sie mich als ausgebildete Kraft und behandelten mich nicht als die kleine Schülerin. Auch die anderen Stammkunden machten das Eingewöhnen leicht, zum Teil waren es eindrucksvolle Lindener Persönlichkeiten: die drei Schwestern Heers, Kundinnen im Geschäft seit der Gründung, Lehrerinnen alle drei, die immer mit Fräulein angeredet werden wollten, weil sie betonen wollten, dass sie auch unverheiratet ihr Leben souverän gemeistert hatten. Oder Herr Schasiepen, der nicht nur mit Waffen handelte, sondern auch konzertreif Viola da Gamba spielte, Herr Bangemann vom Reisebüro, der zaubern konnte und magischen Zirkeln angehörte und der knorrige Herr Könneker, der am Heiligen Abend als letzter Kunde kam, geradewegs aus der Holzhandlung Hillegeist in der Ohestraße, wo er bis zum letzten Moment noch gearbeitet hatte. Im Rückblick erscheinen mir die Jahre von 1965 bis 1970 idyllisch, aber das waren sie nicht, es gab Veränderungen überall. Sogar am Haus Schwarzer Bär 7. Es bekam eine neue Fassade und Fensterfront im Erdgeschoss, ganz im Stil der 1960er Jahre, was sehr befremdlich wirkte bei dem Gründerzeithaus.

Einschneidender war der Wandel in der Bevölkerung. Mit wachsendem Wohlstand verließen viele die unbequemen Altbau- wohnungen und zogen in Eigentum am Stadtrand oder auf dem Land. In den freiwerdenden Wohnraum zogen Wohn- gemeinschaften – es war die Zeit der Jugendrevolten – oder Gastarbeiterfamilien, die zunächst froh waren, genügend Raum zuhaben. Wer jedoch weit hinausgezogen war, musste seine Arbeitsstätte in Hannover meistens via Schwarzer Bär erreichen – am bequemsten (?) im Auto, es wurde eng. Zuerst verschwand der Verkehrspolizist zugunsten einer Ampel Falkenstraße, der Schwarze Bär wurde Kreisverkehr, dann kamen Ampeln in der Deisterstraße, die stadtwärtige Haltestelle der 3. und 7. wurden zum Schwarzen Bären verlegt, das Chaos jedoch größer. Dann kamen Experimente mit Straßenabhängungen, offenem Gleisbett, um gefährliches Abbiegen zu verhindern – es ist mir, als sei der Schwarze Bär jedes Jahr aufgerissen worden. Und es wurde gebaut! Nachdem Dr. Kleinstäuber die Praxis des verstorbenen Dr. Temme übernommen hatte, wurde das schöne und interessante Gebäude Deisterstraße 9. errichtet. Im Erdgeschoss verschwand die Firma Übersee-Kaffee, Miederwaren Billerbeck wurde von Frau Saemann übernommen und erweitert, Aldi zog ein. Am Lindener Markt wuchs das Ärztehaus empor, es verschwanden die Ofensetzerei, Bekleidung Reents (jetzt Küchengarten) und Fisch-Seeger.

Das Berufsschulzentrum entstand auf dem Hillegeistschen Gelände, die U-Bahn wurde begonnen und das Ihme-Zentrum, nachdem M. Braun und Harry Habag ausgezogen waren. Dafür verschwand ganz rasant der Einzelhandel. Zum Teil verstarben die Inhaber und es fanden sich keine Nachfolger oder es waren keine fähigen Erben, die die Läden bald schlossen. Die privaten Lebensmittelhändler gaben entweder aus Altersgründen auf oder mangels Nachfrage. Ketten wie Tengelmann, Johs. Schmidt und Nordsee wurden die Flächen zu klein, die Filialen wurden geschlossen. Manches scheiterte auch an auslaufenden Mietverträgen oder es gab für das Angebot keinen Bedarf mehr. So wurde das 1966 ausgebrannte Kino im Haus Schwarzer Bär nicht wieder aufgebaut und auch das Capitol-Kino schloss. Man brauchte keine Herrenhüte mehr, die Drogerien wurden zu klein und lohnten nicht mehr. Das elegante Café Kühner kurz vor der Ihmebrücke schloss die Pforten, Weißhäupl verschwand, Ahrberg zog zunächst in die Deisterstraße um. Über Allem wuchs ab 1973 das Ihmezentrum in die Höhe, es kam mir vor wie ein Ungeheuter, dass alle Fröhlichkeit vom Schwarzen Bären weg fraß. Einige Geschäfte, auch das Reformhaus, waren dort eingezogen und nach wenigen Jahren des Erfolgs untergegangen, ihre angestammten Läden standen lange leer, die späteren Mieter förderten das etwas Schmuddelige, das sich breit machte. Besonders traurig machte es aber, dass auch der „Schwarze Bär“ aufhörte zu existieren. Der Name verschwand vom Gebäude, den Saal mieteten die Buchdruckwerkstätten, in die Bärenhöhle zog McDonald’s. So ging, nachdem die Lindener Aktienbrauerei schon zur Lindener Gilde geworden war, wieder ein Stück Lindener Tradition dahin.

In unserer Buchhandlung hatte ebenfalls ein Generationswechsel stattgefunden. Herr Klinge übergab die Firma seinem Schwiegersohn, Herrn Meißner, der schon seit zwanzig Jahren darin tätig war. Unter Herrn Meißner wurde der Laden zunächst modernisiert, die hohe Decke verschwand, es gab Regale, die dem Kunden ermöglichten, selbst zu stöbern. Durch die immer mehr zunehmende Selbstbedienung störte manchen jungen Kunden unsere gewohnte Hilfeleistung. Durch Ausweitung des Antiquariats, Spezialisierung des Angebots und besonderer Serviceleistung gelang es Herrn Meißner, die Firma gesund zu erhalten. Unter anderem gingen wir regelmäßig mit Buchausstellungen in ein Seniorenstift im Osten der Stadt, wo wir wieder viele alte Lindener Kunden fanden. Eine der treuesten Kunden dort wurde Frau von Alten, die ein zauberhaftes Album zeigte mit Innenaufnahmen des Lindener Schlosses, die anlässlich eines Besuches von Kronprinzessin Caecilie gemacht worden waren. Das aufdämmernde Computerzeitalter hielt auch in unsere Buchhandlung Einzug – was waren es für klobige, störanfällige Geräte! Eine neue Terminologie mussten wir uns auch aneignen, nie werde ich den peinlichen Moment vergessen, den mir der Kundenwunsch nach Algol bereitete. Ich sagte nachdenkend: Über einen einzelnen Wandelstern habe ich wohl nichts – worauf der Kunden ungehalten: Computersprache! forderte. Aber das macht den Reiz des Berufes aus, dass es immer Neues zu lesen und zu lernen gibt. Dafür verschwand immer mehr Altvertrautes: Lindener Eisen- und Stahlwerke, Tänzer-Gruden (wer kennt noch eine Grude?), Mannesmann, die Saline Georgenhall und Garbe Tischlerei und Holzhandlung – dafür erleichterte „Real“ die Nahrungsmittelversorgung; denn Aldi hatte in der Deisterstraße schon wieder geschlossen und Penny-Markt hatte sich auch nicht allzu lange gehalten. Im Magnetfeld des Ärztehauses hatten sich im Laufe der Zeit aber viele anderer Ärzte niedergelassen, die Krankenhausapotheke schloss, dafür eröffneten am Lindener Markt die Rathaus- und die Marktapotheke, in der Falkenstraße die Kopernikusapotheke und nach McDonald’s und einem Sonnenstudio kam in die alte Bärenhöhle die Nazarethapotheke. Dazu etablierten sich physiotherapeutische Institute und Sanitätshäuser. Und da zu den bewährten Optikern Hohmann und Cichy auch noch am Lindener Markt und auch an der Blumenauer Straße weitere Firmen eröffneten, war die medizinische Versorgung vortrefflich geworden.

Von all dem Wanden blieben natürlich auch die Lindener Schulen nicht unberührt. Zunächst waren meine alte Mädchen-Mittelschule III mit der Knaben-Mittelschule III (bisher hatten die Schulen im Schichtunterricht ein Gebäude benutzt) im Rahmen der Koedukation zusammengelegt, dann geteilt in Realschule am Fössefeld = Neubau und Realschule am Lindener Berg = altes Haus. Nach wenigen Jahren zog die Realschule Lindener Berg nach Badenstedt und verlor kürzlich auch den Traditionsnamen. Das Haus am Lindener Berg wurde der neu gegründeten IGS Linden zugeschlagen, was uns Ehemalige erst sehr schmerzlich berührt hat. Erst der Name weg, dann das Gebäude – unsere Schule, unser Stolz! Mich hat dann ein kleiner IGS-ler getröstet, der von mir „Wilhelm Tell“ verlangte. Auf meine Frage: Reclam Ausgabe oder Hamburger Leseheft? kam die überzeugte Antwort: Die Ausgabe, die Schiller für die IGS geschrieben hat! Da habe ich eingesehen, Namen sind vergänglich, Schüler, die ihre Schule für die Beste halten, wachsen immer wieder nach. Auch das Humboldtschulgebäude in der Beethovenstraße erhielt die IGS, die Humboldtschule bezog dafür einen Neubau in der Ricklinger Straße. Aber nicht nur räumliche Veränderungen kamen auf die Schulen zu, der Schuljahresbeginn wurde auf den Herbst verlegt, es gab ein Kurzschuljahr um die Differenz auszugleichen. In der Folge traten auch unsere Lehrlinge erst zum Herbst ein, dafür wurden sie zu Azubis. Orientierungsstufen, Kurssysteme, Ganzwortmethode und Mengenlehre – so viele Moden kamen und gingen!

Mit den Jahren um 1980 war ein ernstes Problem in Linden-Mitte gekommen: Vor dem Krankenhaus in den Grün- anlagen hatte sich die Drogenszene festgesetzt. Konnte man sonst eine kurze Mittagszeit auf einer der Bänke verbringen, war dies nun nicht mehr ratsam. Zunächst gab es im Hinterhof Deisterstraße 9–17 noch eine verwunschene Sitzgelegenheit unten an der Ihme, wohl Relikt aus wohlhabenden Zeiten, doch die Treppe dahin wurde oft zugeparkt, Drägerwerk, Gewerbe- und Aufsichtsamt, Werkstatt von Glienke Büromaschinen – alle brauchten Parkplätze. Heute ist diese Stelle ganz verschwunden, ein Radweg geht darüber hin. Doch die Einschränkung der Freizeitmöglichkeiten war das geringere Problem. Beschaffungskriminalität, Pöbeleien, unheimliche Gestalten machten Passanten und Geschäftsleuten das Leben nicht leichter, und waren sicher ein Grund für neuerliche Ladenschließungen. Erfreulicher waren die schönen Neubauten der Lindener Volksbank Falken- Ecke Jacobsstraße und der Wohnbau am Beginn der Posthornstraße, auch wenn für diesen die Gärtnerei weichen musste sowie die Tankstelle und der Garagenhof. Zum Kummer der ganzen Belegschaft entschloss sich 1992 Herr Meißner aus Alters- und Gesundheitsgründen nach über 40 Jahren am Schwarzen Bären die Buchhandlung an die Firma Decius zu verkaufen. Herr Immken, der neue Inhaber, sah recht nüchtern die nachlassende Attraktivität des Standortes. Als sich 1994 die Möglichkeit bot, in die Falkenstraße zu ziehen, packten wir also unsere Bücherkisten. Ich war nicht überzeugt, dass ein Umzug sich lohnen würde. Doch nachdem mir in den ersten Tagen Falkenstraße mehrere Kunden sagten: Wie schön, endlich eine Buchhandlung in Linden! bat ich Herrn Immken meine Zweifel ab. Nun habe auch ich unsere Buchhandlung nach 40 Jahren Linden verlassen.

Wenn ich durchzähle, ist nur wenig noch so wie beim Beginn:

Die Woolworth und Gessner & Jacobi =         Gleicher Name, gleicher Ort

Am gleichen Ort mit neuem Namen:              Café Mönikes (früher Becker), Beinsen Kleidung (frührer Nölke)
                                                                  First Reisebüro (früher Bangemann)

Umgezogen in die Falkenstraße mit

- altem Namen:                                            Salge Kartenvorverkauf
- neuem Namen:                                          Decius (vormals Gebr. Hartmann)

Das stimmt zwar etwas wehmütig, andererseits treibt der alte Stamm Linden ja durchaus schöne neue Triebe. Das Gilde-Carré sah im Herbst mit dem vielen Blumenschmuck bezaubernd aus, um den Lindener Markt gibt es schicke Läden, deren Fenster man gerne anschaut und wenn es auch keine Bärenhöhle mehr gibt – ein schwarzer Bär ist zumindest da. Vielleicht wird auch das Ihme-Zentrum wieder lebendig und ganz vielleicht, wenn er denn jemals fertigt wird, ist auch der Platz Schwarzer Bär einmal das, was seit 40 Jahren versprochen wird: Schöner geworden.

Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung von Frau Gisela Pape. | 01/2008

Geschäfte, an die ich mich erinnere.

Schwarzer Bär 1 – 5

  • Böskens, Tabakwaren und Anzeigenannahme,
    jetzt: Irish Harp
  • Café Knolle
  • Ahrberg, später: Studentenantiquariat,
    Spiele-Laden
  • Textilgeschäft
  • Café Kühner, später: diverse Chin. Restaurants, Russ. Restaurant

Schwarzer Bär 7

  • Weißhäupl-Fleischerei, später: Leichnitz Pelze
  • Tengelmann, später: erst Wüstenrot, dann div. Kneipen
  • Buchhandlung Gebr. Hartmann bis 1994, dann Computergeschäft, jetzt: Blumenhandlung Rosenstolz
  • Lindener Mond (zur Wülfeler Brauerei), dann wüste Kneipe, dann Sport-Kneipe, Tandure,
    jetzt: Bronco’s

Deisterstraße 9

  • Übersee Kaffee u. Tees, dann Aldi, Penny-Markt
  • Miederwaren Billerbeck, dann: Firma Saemann Wäsche Kleider, kurzes Gastspiel einer anderen Inhaberin, jetzt beide Läden: Rossmann

Deisterstraße 11 – 17

  • Salge Tabakwaren + Kartenvorverkauf.
    Nach Herrn Salges Rückzug bald Umzug in die Falkenstraße, am Ort jetzt Kiosk
  • Haushaltswaren Wolfgang, später An- und Verkauf, jetzt Eisverkauf
  • Bäcker, jetzt: Apotheker Sandmann
  • Drogerie Baumann, jetzt: Apotheker Sandmann
  • Brillenschmidt
  • Radio- u. Fernsehgeschäft
  • Nordsee, später: Fahrschule Lezius,
    Süßes Kaufhaus
  • Friseur
  • Johs. Schmidt Lebensmittel,
    später: Garbs Antiquitäten
  • Glinke Papier- u. Büroartikel, Büromaschinen, später: Computerladen
  • Blumen-Wehr, später Blumen Bernhardt, Computerladen
  • Parkplatz mit Kiosk Witzmann

Schwarzer Bär 2 – 4

  • Capitol-Kino, jetzt: Disco
  • Radio Quadt (jetzt: Falkenstraße), jetzt: Disco
  • Schasiepen Jagdwaffen, Messer u. ä., jetzt: Disco
  • Friseur, jetzt: Disco
  • Woolworth

Eckhaus Blumenauer/Minister-Stüve-Straße

  • US-Bekleidung
  • Motorräder-Czarnowsky

Schwarzer Bär 6

  • Dresdner Bank

Schwarzer Bär 8

  • Schwarzer Bär mit Bärenhöhle und Saal, darüber Arztpraxen u. Büro Barmer Ersatzkasse, später statt Restaurant: McDonald’s, dann Sonnenstudio, jetzt: Nazareth Apotheke
  • Kino Schwarzer Bär, 1962 abgebrannt
  • Eitner Büro-Artikel, jetzt: Inclusiv-Reinigung

Falkenstraße 1, Deisterstraße 10 und weiter

  • Volksbuchhandlung, später Sanitätshaus Muhlert, dann Sanitätshaus Nicolai, jetzt: Teraske
  • Reformhaus, jetzt: Spielhalle
  • Garbs Porzellangeschäft und Ausstellungsraum
  • Fahrschule Lezius (später umgezogen),
    später: Brot-Henke
  • Drogerie Grote, später Stollberg Parfümerie,
    dann Ahrberg
  • Obst- und Gemüsegeschäft, Möbelgeschäft
  • Friseur
  • Lammert Uhren und Schmuck, später China Restaurant
  • Garbe Eisenwaren, später Aquarien

Ecke Deisterstraße – Ricklinger Straße im alten Lindener Rathaus:

  • Krankenhaus-Apotheke, dann Methadon Ausgabe

Falkenstraße 2

  • Tabakwaren
  • Bäckerei Harry Habag,
    später: Nord LB-Bausparkasse, Gardinengeschäft,
    jetzt: Back-Factory
  • Färberei Bode, Reinigung, Nord LB-Bausparkasse, Gardinengeschäft,
    jetzt: Back-Factory
  • Im OG: Friseur gehört jetzt zum Hotel

Falkenstraße 3 und weiter

  • Deutsche Bank
  • Blumen Virchow, später Handarbeiten u. Wolle,
    dann viele Wechsel
  • Herrenhüte
  • Löwensen-Schokolade
  • Wett-Annahme
  • Falken-Eck

Falkenstraße 4 – 10

  • Reisebüro Bangemann, jetzt: First Reisebüro
  • Textilgeschäft Nölke, dann Baku, jetzt: Beinsen
  • Wild u. Geflügel Rumpf, später: Arco Kaffee,
    danach zu Beinsen
  • Trümmergrundstück bis Neubau Lindener Volksbank

Falkenstraße – Ecke Jacobsstraße

  • Feinkost Maaß
  • Laborbedarf Harre & Co.
  • Gessner & Jacobi
  • Dörle Motog Damenhüte

Hohe Straße

  • Café Becker, dann Mönikes
  • Optiker Hohmann
  • Fleischerei Bögehrts
  • Ofensetzerei, jetzt: Ärztehaus
  • Textil-Reents (jetzt Küchengarten);
    jetzt: Ärztehaus
  • Fisch Seeger
  • Weißhäupl

Falkenstraße Ecke Eleonorenstraße

  • Feinkost Wiedemann
  • Bunke Silberwaren u. Bestecke
  • Schlüssel u. ä.
  • Schokoladen-Koch
  • Drogerie Guckeisen, jetzt: Sparkasse
  • Tapetenhaus Thomas, jetzt: Markt-Apotheke

Dreieck Niemeyerstraße – Egestorffstraße

  • Feinkostgeschäft, jetzt: Schnetter

Neben der Post:

  • Tankstelle Heise, dahinter Garagenhof
  • Gärtnerei Herrmann mit Laden und Freigelände

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Firmen Anzeigen
Gisela Pape / Text

Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaberin. | 01/2008