Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017
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Die Rotophot-Gesellschaften und die Kunst der Polygraphie - von Detlef Krenz

Ausführliche Verlagsgeschichte der Rotophot-Gesellschaften von Detlef Krenz

Der Nachbar vom Alexandrinenhof (in Berlin)

Nur einige Hausnummern vom Alexandrinenhof und der Papierfabrik Max Krause entfernt, stand mit dem "Mess-Palast Alexandrinenstraße 110" ein weiteres im Exportviertel und darüber hinaus bekanntes Gebäude. Der sich über mehrere Höfe erstreckende Komplex wurde vom Architektenteam Blumberg & Schreiber als Ausstellungs- und Großkaufhaus geplant. Im Gegensatz zu ähnlichen Bauten, wo die Keller meistens als Lagerräume dienten, wurde hier der Gastronomie mit Kegelbahnen und Vortragssälen in den Kellerräumen viel Platz eingeräumt. Auftraggeber war im März 1895 die "1893 Berliner Messe-Vereinigung", eine Gemeinschaft von Unternehmern und Kaufleuten aus dem Exportviertel, die im und außerhalb des Exportviertels in große Projekte involviert waren, wie unter anderem der "Großen Berliner Gewerbeausstellung 1896" in Treptow.

Im September 1895 übernahm eine "Berliner Messpalast-Baugesellschaft" die Verantwortung für den Bau und die Vermietung des "Mess-Palastes Alexandrinenstraße 110". Das Projekt war ins Stocken geraten. Aufgrund vieler fertiggestellter Bauprojekte im Viertel bestand ein Überangebot an Schauräumen, zu günstigeren Mietpreisen. Die Zahl der Vorvermietungen für den Mess-Palast verlief schleppend und ständig wurden Änderungen des Bau-Vorhabens nötig. Die Bauarbeiten geschahen unter hohem Zeit- und Finanzdruck, auch zulasten der Werktätigen, allein im August 1895 stürzten 12 Bauleute von den Gerüsten. Die Baugesellschaft konnte nicht verhindern, dass der 1,1 Mio. Mark teure Bau bald mit über 300 000 Mark verschuldet war. Daraufhin wurde das Messpalast-Konzept aufgegeben und eine Umnutzung als Gewerbehof beschlossen. Als einer der größten Teilhaber an der "Berliner Messpalast-Baugesellschaft" hatte die "Rotophot-Gesellschaft für photographische Industrie" ein massives Interesse an diesen Umbauten und wurde bald zum wichtigsten Mieter im Haus.

Die Gründer der Rotophot

Die Rotophot-Gesellschaft mit dem Zweck der "Massenherstellung photographischer Vervielfältigungen" wurde am 8. Januar 1900 gegründet. Unter den Begriff "der Massenherstellung photographischer Vervielfältigungen" war die Produktion von Bromsilberpostkarten in hoher Auflage gemeint. Die Initiative zur Gründung der Rotophot ging von Hans Kraemer aus. Kraemer wurde am 22. April 1870 in Mannheim geboren und entstammte einer Industriellenfamilie. In Berlin und Heidelberg studierte Kraemer Naturwissenschaften, Philosophie, Geschichte und Kulturgeschichte.

Die Möglichkeiten der Fotografie, deren Verbreitung und Wiedergabe über Bücher und Postkarten, fesselten seine Aufmerksamkeit. Mit den Titeln "Die Entstehung des Weltalls", "Das 19. Jahrhundert im Bild" und "Die Erde im Weltraum" brachte er um 1900 mehrbändige enzyklopädische Werke heraus. Die sehr kenntnisreichen Texte zu den Büchern stammten überwiegend von Kraemer selbst, der unter mehreren Pseudonymen schrieb. Ergänzt wurden die Texte durch eine opulente Anzahl von Fotos und oft farbigen Zeichnungen, die ausgeklappt das große Buchformat überragten. Die inhaltliche wie handwerkliche Ausführung der Bücher beeindruckt auch heute noch und war zum Erscheinungszeitpunkt einzigartig. Die Bände erschienen im Leipziger Verlag Richard Bong, der ebenfalls zu den Gründern der Rotophot gehörte.

Stars "zum Anfassen" aus dem Rotophot-Haus

Die Zeit um 1900 galt als eine "goldene Ära" für die Verbreitung von technisch hochwertigen Postkarten. Prominente aus vielen Bereichen gaben die Motive vor: Adlige, Opernsängerinnen, Schauspieler, Varieté- und Zirkusstars. Gewagte erotische Bilder entsprachen ebenfalls dem Publikumsgeschmack. Besonders diese Postkarten aus dem Hause Rotophot kamen beim Publikum gut an.

Innerhalb kurzer Zeit stieg die Rotophot zum ernsthaften Konkurrenten der NPG, der "Neuen photographischen Gesellschaft" auf. Die NPG hatte bereits 1895 mit der "Kilometer-Fotografie", einer industriellen Serienfertigung von Postkarten begonnen. Parallel zur NPG expandierte die Rotophot international. 1902 schloss die Rotophot ein Vertrag mit "Giesen Bros. & Co." in London. Fotos englischer Künstlerinnen, bei der Rotophot in Berlin produziert, kamen über Giesen Bros. & Co auf die Insel und ihre Kolonien.

1904 wurde als Firmentochter die "Bromsilber-Bild-Vertriebs-Gesellschaft" mit Büros in Wien und Budapest gegründet. Leiter dieser Sparte war der kurz zuvor in die Firma eingetretene Heinrich Ross. Seit 1905 trugen alle Rotophot-Karten zur Identifizierung die Buchstaben RPH als Signet, mit einer Seriennummer für Nachbestellungen. 1910 gründete die Rotophot in Wien und Budapest Tochtergesellschaften. Hinzu kamen Verkaufsbüros in Hamburg, Köln, Nürnberg, Breslau, Posen, Warschau, Riga, Stockholm, Helsingfors, Kopenhagen, Amsterdam, London, Paris, Zürich, Mailand, Bukarest, Odessa und Buenos Aires. Die Rotophot den Agenturdienst für die Druckerei Büxenstein, die Dreifarbenautopiepostkarten herstellte und für die Luxuspapierfirma E. A. Schwerdtfeger & Co. in Berlin, die chromolithographische Drucke, also Poesiealbenbilder und ähnliches, im Angebot hatte. Für die letzteren war eine so genannte "Kunstabteilung" zuständig, die in "Gesellschaft zur Verbreitung Klassischer Kunst" umbenannt bis in die frühen 1930er-Jahre existierte.

Das Herstellungsverfahren

Die Belegschaft der Rotophot in der Alexandrinenstraße 110 lag kurz vor dem Ersten Weltkrieg bei über 400 Personen. 24 Druckmaschinen standen in drei Etagen vom ehemaligen Messpalast. Einen Einblick in die Arbeitsweise jener Zeit gibt der Wortlaut aus einem Antrag für die Bauaufsicht aus dem Jahre 1910: "Die Rotophot trocknet photographische Bilder, die aus der Handentwicklung kommen auf ihrem Boden im 5. Geschoss & dies ging auch im Frühjahr, Sommer & Herbst vorzüglich. Bei der nun eintretenden Kälte, wo zu befürchten ist, dass die nassen Bilder gefrieren & ganz abgesehen davon, dass dieselben nicht trocknen durch den Frost Schaden erleiden würden, ist es nötig, dass die Luft erwärmt wird. Die nassen Bögen werden aus der Entwickelung oder Tönung über Stäbe hängend nach dem Boden getragen & dann auf die dort stehenden Gestelle zum Trocknen gelegt. Nach 5-24 Stunden, je nach der Witterung, werden die getrockneten Bogen wieder vom Boden heruntergeholt & kommen dann dieselben in die Buchbinderei zur weiteren Bearbeitung."

Die Gründung des Tiefdrucksyndikats

Der hochwertige Abdruck von Fotos in Büchern war vor dem Ersten Weltkrieg nur mit hohem Zeitaufwand möglich und dementsprechend teuer. Fieberhaft wurde nach kostengünstigen und schnellen Vervielfältigungsmöglichkeiten gesucht und dabei der Kupfertiefdruck als die beste Lösung angesehen. Ein Dutzend Erfinder stritt in Europa um die besten Verfahren. 1909 war unter der Leitung von Carl Blecher bei der Nürnberger Firma Kempe die erste Bogentiefdruckmaschine entstanden. Nach langen Verhandlungen erreichte Kraemer, das wenig später im Rotophot-Haus für die "Kempe-Blecher Bogendruckmaschinen" eine Versuchswerkstatt eingerichtet werden konnte. Den Vertrieb und die Weiterentwicklung der Kempe-Blecher Maschinen übernahm ebenfalls die Rotophot. Nach weiteren schwierigen Verhandlungen mit Banken und Gesellschaftern gelang es Kraemer, die Rotophot GmbH am 7. Dezember 1912 in die "Rotophot Aktiengesellschaft für graphische Industrie" umzuwandeln.

Die Gründung einer "Tiefdruck GmbH" am 27. Dezember 1912 war für ihn der nächste Schritt, alle Entwicklungsaktivitäten in diesem Bereich unter seine Führung zu bringen. Zur "Tiefdruck GmbH" gehörten neben "Ross-Gesellschaften" die "Rotogravur Deutsche Tiefdruck-Gesellschaft Berlin", "Deutsche Fotogravur AG Siegburg", "Mertens Tiefdruck GmbH Mannheim" sowie die Internationale "Tiefdruck Gesellschaft m.b.H.". War die "Tiefdruck GmbH" ein Zusammenschluss deutscher und europäischer Unternehmen, so war das "Tiefdrucksyndikat" eine transkontinentale Vereinigung, die Kraemer 1913 erreichen konnte. Alle weltweit führenden Tiefdruckunternehmen waren jetzt unter einem Dach. Entwicklung, Vertrieb und die Vergabe von Lizenzen lagen beim Tiefdrucksyndikat. Das hatte den Erfolg, dass Entwicklungen schnell vorangingen und erste Zeitungen im Tiefdruckverfahren erschienen. Für Kraemer währte die Freude über diesen Erfolg indes nur kurz. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges endete die internationale Zusammenarbeit.

Heinrich Ross avanciert zum Vater der Künstlerpostkarten

Der Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 bedeutete für die exportorientierte Rotophot zunächst einen schweren Verlust, der nur mühsam wieder ausgeglichen wurde. Statt Opernstars waren Kämpfer als Bildmotive gefragt. In ausführ- lichen Reihen widmete sich die Rotophot Fliegerhelden. Nebenher wurde weiter an der Verbesserung des Kupfertiefdrucks gearbeitet. Der Rotophot wurden in den Kriegsjahren 15 Patente im Tiefdruckbereich genehmigt. Man widmete sich dem Offsetdruck sowie der Lithographie und brachte grundlegende Verbesserungen ein. Der Krieg, die damit verbundene Mangel- und Misswirtschaft und eine überforderte Verwaltung führten zu Streiks und massiven Protesten an der "Heimatfront". Die Militärverwaltung regte an, mit Unterhaltungsfilmen die Menschen von ihren Sorgen abzulenken. Der jungen und privaten Filmindustrie wurden ab 1916 von staatlicher Seite große Geldmengen für Großprojekte zur Verfügung gestellt. In diese Initiative eingebunden waren auch die großen Postkartenverlage NPG und Rotophot bzw. die "Ross-Gesellschaften".

1916 legte Heinrich Ross die Serie "Filmsterne" auf. Mit den Filmsternen wurden Szenenausschnitte aus neuen Filmen gezeigt oder bisher unbekannte Filmakteure vorgestellt. Die Filmsterne-Reihe gilt als eine der ersten großen deutschen Filmpromotion- aktionen. Vereinzelt waren in Europa bereits vorher Filmpostkarten veröffentlicht worden. Die Filmsterne-Reihe gilt jedoch als die eigentliche Startserie der Fan- und Autogrammkarten. Von den Filmjournalisten sollte Heinrich Ross 1930 dafür mit dem Titel "Vater der Künstlerpostkarten" geehrt werden. In der Kriegszeit veröffentlichte die Rotophot erste Bücher im Tiefdruckverfahren. Bemerkenswert das naturwissenschaftliche Werk "Wolken im Luftmeer" von 1917. Neben Texten zur Meteorologie sind eindrucksvolle Fotos von Wolkenformen abgedruckt, die allesamt von "Wetterfliegern" an Bord von Kampfflugzeugen aufgenommen wurden. Auch im Offsetbereich war die Rotophot während des Krieges aktiv, überliefert sind Plakate für einen fünfteiligen "Homunculus-Zyklus". Der "Homunculus" von 1916 war der erste deutsche Monumentalfilm, die Werbe-Plakate für diese Filmreihe wurden von Hans Zoozmann entworfen. Zoozmann zählt zu den Pionieren des deutschen Trickfilms und entwarf für die Rotophot sehr viele Plakate.

Mutter, denk an mich!

Während die ersten Kriegsjahre durch Abschnürung und den Zusammenbruch des Tiefdrucksyndikats Verluste einbrachten, sorgten die Gewinne aus dem Verkauf der Filmsterne-Serie dafür, dass bereits 1919 die Rotophot ihr geschäftliches Tief überwand. Auf die neue Zeit nach dem Ende der wilhelminischen Ära reagierte die Firma mit dem Druck von Wahlplakaten für die SPD. Als im Januar 1919 zum ersten Mal Frauen an die Wahlurnen gehen durften, erschien das Blatt "Mutter, denk an mich" und mit "Bebel mahnt" wurde an die Einheit der Arbeiterbewegung appelliert. Zu den Erfolgen der Revolution von 1918 zählte, dass den Gewerkschaften Mitspracherechte eingeräumt wurden. Die von den Soldatenräten abgeleiteten "Arbeiterräte" sollten in jedem größeren Betrieb konstituiert werden, was auch bei der Rotophot geschah. Der "Arbeiterrat" saß in Parterre im 2. Seitenflügel. 1919 schloss die Firma mit dem Arbeiterrat Verträge zur Verbesserung der Tarife ab, was in der Luxuspapierindustrie nur selten der Fall war.

Der Vater der Künstlerkarten gründet seinen eigenen Verlag

Ab 1919 vermarktete Heinrich Ross die Filmsterne-Serie über einen eigenen Verlag. Neben der Seriennummer trug jetzt jede Karte die Bezeichnung "Ross-Verlag". Abgesehen von wenigen handkolorierten waren die meisten Ross-Karten in schwarz-weiß ausgeführt. Es gab drei Typen: Die Schauspielerserie, wo eine oder mehrere Personen im Porträt abgebildet waren, und die Serie der "Szenen-Postkarten", bei denen die Akteure im Zusammenhang verschiedener Filme dargestellt wurden. Karten mit mehr als einer Person wurden "Doppelbildnisse" genannt. Die Schauspieler- wie die Szenen-Postkarten und auch die Doppelbildnisse wurden in jeweils sieben Serien angeboten, die sich in Größe und Qualität voneinander unterschieden. Die Serie A entsprach von der Größe her den heute gebräuchlichen Postkarten, Karten der Serien K, G, W hatten ein größeres Format. Alle Fotos auf diesen Karten waren von einem weißen Rand umrahmt. Karten der "Luxus-Reihe" kamen dagegen formatfüllend auf den Markt.

Amerikanischen Filmstars galt die "800-Serie". Priscilla Dean wurde 1922 als erste amerikanische Filmschauspielerin auf einer Ross-Karte abgebildet. Als internationale Stars folgten ihr die junge Pola Negri und Charlie Chaplin. Zu den welt- bekannten Größen, die auf frühen Ross-Karten abgebildet wurden, gehörten neben Albert Einstein und Charles Lindbergh, John Wayne, Ingrid Bergman, Fred Astaire, Bing Crosby, Bette Davis, Olivia de Havilland, Laurel & Hardy, James Stewart, Valentino, Buster Keaton, Josephine Baker. Die Ross-Karten bedienten nicht nur den deutschen Markt. Es gab eine italienische Serie, die von Ballerini & Fratini in Florenz verlegt wurde, und eine französische Reihe mit den nationalen Filmgrößen wie Victorio de Sica oder Jean Gabin. Auch diese Karten wurden in der Alexandrinenstraße 110 hergestellt.

Neben den Karten für das Publikum gab der Ross-Verlag eine Serie heraus, die nur den Filmfirmen als Werbung und deren Stars für Autogramme diente. Eine vom Format ungewöhnliche Serie war die der "Künstlerbriefmarken", mit den Fotos von Marlene Dietrich, Greta Garbo und anderen bekannten Stars. Die Künstlerbriefmarken besaßen keinen postalischen Wert und waren mehr für Poesiealben und ähnliches gedacht. In hoher Auflage lief unter dem Namen "Das Programm von Heute", eine Zeitschrift für Film und Theater, die auf dünnes, braunes Papier gedruckt wurde. Jedem Heft lag eine Künstlerpostkarte bei. In den frühen 1940er-Jahren wurden diese Hefte in "Filmwoche" umbenannt und nahmen die Filmhefte der 1950er-Jahre vorweg. Zwar sahen die Nachkriegspublikationen in Form und Farbe den alten "Filmwochen" sehr ähnlich, standen aber mit ihnen in keinem Zusammenhang.

Während die Zahl der hergestellten Publikumskarten auf ca. 40000 geschätzt werden kann, ist die Menge der für die Zigarettenfabrik Mahalesi hergestellten Zigarettenbildchen unbekannt. Auch hier wurde zwischen Bildern mit weißem Rand und solchen, die das Format randlos füllten, unterschieden. Für diese Sammelbildchen wurden Sammelalben angeboten, die sich den "Liebesabenteuern" des Rudolf Valentino widmeten oder über einzelne Filmstars, aber auch "Vom Werden deutscher Filmkunst" berichteten. 1929 erschien bei Ross ein Buch zur Geschichte des Stummfilms und 1932 zur Geschichte des Tonfilms.

Technologiewechsel bei der Rotophot

Bis Mitte der 1920er-Jahre erfolgte bei der Rotophot die komplette Umstellung vom Steindruck auf den Offset- und Kupfertiefdruck. Hans Kraemer bemerkte 1925 gegenüber der Bauaufsicht: "Als führendes deutsches Tiefdruckunternehmen erachten wir es auch aus allgemein volkswirtschaftlichen Gründen für unsere Pflicht, unseren Betrieb auf die höchste Stufe der Leistungsfähigkeit zu bringen, zum Mindesten aber der des Auslandes gleichzustellen".

Er meinte damit, dass im Ausland nach dem Ersten Weltkrieg die Methoden bei der Belichtung und Sensibilisierung von Pigmentpapieren wesentlich vervollkommnet wurden. Um diesen Mangel auszugleichen, wurden die Steindruckabteilungen aufgegeben und räumliche Kapazitäten ausgeweitet. Die Firma belegte das komplette Vorderhaus, den ersten und zweiten Seitenflügel sowie das erste Quergebäude. Zu den Maschinensälen und Druckvorbereitungssälen für den Tief- und Offsetdruck kamen drei Fotostudios mit eigenen Labor- und Retuscheräumen. Für eine Buchdruck- und Buchbinderei wurden zusätzliche Decken in einen Saal, der in der II. Etage des zweiten Quergebäudes lag, eingezogen. Zwei Etagen im Vorderhaus dienten als Büroräume. Mitte der 1920er-Jahre wurden zusätzliche Büroflächen und Musterräume im zweiten Quergebäude eingerichtet. Der Ross-Verlag saß mit Büro, Empfangszimmer, Buntdruck, Lager und Versand im 4. Stock des I. Quergebäudes. Um den Arbeitsanfall zu bewältigen, wurde 1925 bei der Rotophot im Dreischichtbetrieb gearbeitet. Die Beschäftigtenzahl lag bei 350 und der Umsatz bei 2,53 Mio. RM.

Das Rotophot-Programm in den 1920er-Jahren

Zwar blieben die Postkarten nach wie vor das Hauptgeschäft des Unternehmens, daneben konzentrierte man sich jedoch zunehmend auf den Druck von hochwertigen Büchern, Zeitschriften und Broschüren. Für den Berliner Verlag Ernst Wasmuth wurde zum Beispiel die Reihe der "Baukunst-Bücher" von Kurt Hielscher gedruckt, die auf ca. 300 Seiten großformatige Fotos von Städten und Bauwerken aus ganz Europa zeigten. Für die "Gesellschaft zur Verbreitung Klassischer Kunst" druckte man die Reproduktionen von Kunstwerken und 1926 für das Messe- und Fremdenverkehrs-Amt den Reiseführer "Jeder einmal in Berlin" im Taschenbuchformat. Bemerkenswert ist, dass er neben Tagesaufnahmen viele Fotos des nächtlichen Berlin enthält, das deshalb weil Mitte der 1920er-Jahre hochlichtstarke Objektive und hochempfindlche Fotomaterialien in den Handel kamen, mit denen Nachtaufnahmen bei relativ kurzen Belichtungszeiten möglich wurden und die nächtliche Atmosphäre der Großstadt Berlin eingefangen werden konnte. Für den Berliner Zoo entstanden bei der Rotophot 1926 farbige Werbeplakate und 1924 mit "Wählt die SPD" von Fritz Gottfried Kirchbach ein Wahlplakat, auf dem ein Arbeiter das Hakenkreuz mit dem Hammer zerschlägt. Einen wirklichen Überblick der vielseitigen Rotophot-Produktion zu bekommen ist heute nicht mehr möglich, da die meisten Unterlagen wie auch Druck-Erzeugnisse verloren gegangen sind.

Die Glamour-Fotografen

Bekannte Mode- und Künstlerfotografen ihrer Zeit waren im Auftrag der Rotophot-Gesellschaften beschäftigt. Von 1900 bis 1944 standen schätzungsweise ca. 40 in und ausländische Studios mit der Rotophot und dem Ross-Verlag in enger Verbindung. Die meisten Bilder der deutschen Stars kamen aus den Ateliers Berliner Lichtbildner, von denen vier erwähnt werden sollen, die lange mit der Rotophot arbeiteten.

Ernst Schneider, dessen Atelier seit mindestens 1908 auch das der Rotophot war, gehörte vor 1945 zu den hoch geschätzten Modefotografen in der Stadt. Seine ersten Modefotos wurden in „Welt der Frau“ und in der „Gartenlaube“ veröffentlicht. Im Studio Schneider entstanden Aktfotos, die 1908 in den USA im Verlag J. Singer and Company als Buch herausgegeben wurden, und selbst Mata Hari stand 1908 bei Schneider vor der Kamera. Neben schönen Frauen traten Opern- und Theaterstars wie Richard Tauber oder Hans Albers vor die Kamera bei Ernst Schneider, der bis 1932 Unter den Linden 62/63 zu finden war. Dann zog die Firma an den Kurfürstendamm.

Gregor Harlip, der viele Stummfilmschauspielerinnen für den Ross-Verlag aufnahm, besaß einen Namen als "Livestylefotograf", der das Leben der Schönen und Reichen der Kaiserzeit und der Weimarer Jahre für die "Berliner Illustrierte Zeitung (BIZ)" oder "Scherls Magazin" schilderte. Wegen seiner jüdischen Abstammung musste Harlip 1938 sein Studio aufgeben, das vom Studio Becker & Maass übernommen wurde.

Ähnlich erging es dem Studio von Alexander Binder, der ebenfalls für Ross und die Rotophot tätig war. Der in Alexandrien geborene Binder arbeitete bereits für die „Filmsterne-Serie". Nach 1933 galt das Atelier als „jüdisch“, obwohl die Leitung der Firma nicht mehr in Binders Händen lag. Das Studio wurde 1941 in Haase und Wiese umbenannt und kurz danach von Becker & Maass übernommen.

Das Studio Becker & Maass, einer der Hauptlieferanten von Ross und der Rotophot seit den frühen 1920er-Jahren und agierte bereits vor 1910 im Modebereich. Außerdem vertrieb das Studio Pressebilder und war in den 1930er-Jahren für die Industrie mit Werbefotos tätig.

Charlotte Kraemer und der Führungswechsel bei Rotophot

Trotz guter Auftragslage sank aufgrund von Managementproblemen der Rotophot-Umsatz 1926 auf 1,64 Mio. RM und die Beschäftigtenzahl fiel auf 300. Konnte noch 1925 eine Dividende von 8 % an die Aktionäre ausgezahlt werden, so war das 1926 nicht möglich. Ein Wechsel in der Geschäftsleitung sollte das Unternehmen zu mehr Erfolg führen.

1927 übernahm Charlotte Kraemer, die Ehefrau von Hans Kraemer, der um diesen Führungswechsel gebeten hatte, die alleinige Geschäftsführung der Rotophot. Als Charlotte Lasch, Kind einer Kaufmannsfamilie, wurde sie am 28. Februar 1894 in Berlin geboren. Ihr Vater war Juniorpartner der Kindermantelfabrik Herz & Meyer und Baron Reuter, der Gründer vom Nachrichtenbüro Reuter, gehörte zu ihren Verwandten. Nach einer Lehrerinnenausbildung in Brüssel studierte Charlotte Lasch Wirtschaft an der Handelshochschule Berlin, das ein privates Eliteinstitut war, und erreichte dort einen Abschluss als Diplom-Kauffrau. Auf Rat ihres Förderers Professor Leitner ging sie für ein Praktikum zum Tiefdrucksyndikat, wo Frau Lasch schnell zur engsten Mitarbeiterin vom Generaldirektor Hans Kraemer wurde. Kraemer übertrug ihr 1916 die Leitung des Reichsausschusses des deutschen Papierfaches, der Reichspapierkommission und der Reichsarbeitsgemeinschaft der deutschen Papierindustrie. Ihre Aufgaben standen im Zusammenhang mit der Kriegsproduktion und der Bereitstellung von Rohmaterialien. Die damals 22jährige war damit eine der wenigen Frauen in Deutschland in einer derart einflussreichen Position. Sie stand mit den höchsten Industrie- und Politikkreisen in direktem Kontakt und wurde für ihre Verdienste mit mehreren Orden ausgezeichnet.

Im Juni 1922 stimmte sie einem Heiratsantrag von Hans Kraemer zu. In einem Brief aus dem Jahr 1955 schrieb sie, dass sie für Kraemer wohl "eher eine Schreibkraft gewesen sei", und beschrieb ihn "als einen eingefleischten Junggesellen, der auch in der Ehe nicht von seinen Angewohnheiten ließ", welche das waren, verriet sie allerdings nicht. Das Paar blieb kinderlos. Wenige Monate, nachdem sie die Leitung der Rotophot übernahm, zeigten sich erste bescheidene Erfolge, der Umsatz stieg auf zwei Mio. RM. 1928 kaufte daraufhin die Fotopapierfabrik Mimosa ein Drittel der Rotophotaktien, was für die Firma einen kleinen Kurssprung nach oben bedeutete und wieder Dividenden ausgezahlt werden konnten. Charlotte Kraemer leitete einige Umstrukturierungsmaßnahmen ein: Am 29. November 1929 fand die Gründung der "Rotophot Bromsilberdruck" statt. Seit Mitte der 1920er-Jahre arbeitete die Bromsilberdruckabteilung der Rotophot hauptsächlich für den Ross-Verlag. Um Kosten zu minimieren und Aufgaben besser koordinieren zu können, wurde deshalb diese Abteilung ausgegliedert und als eigene Firma weitergeführt. Jedoch war die hauseigene Krise längst nicht überwunden. Nach einem Verlust von über 100 000 RM 1930, als die Belegschaftszahl auf 174 fiel, konnte Charlotte Kraemer 1931 einen Durchbruch durch den Abschluss von langfristigen Verträgen für den Druck von illustrierten Zeitschriften erzielen. Kapital für mehrere Schnellpressen stand nun zur Verfügung und vor allem konnte in der durch die Weltwirtschaftskrise bedingten großen Arbeitslosigkeit Personal eingestellt werden. 1932, am tiefsten Punkt der allgemeinen Wirtschaftskrise, hatte die Rotophot ein volles Auftragsbuch. 250 Personen waren wieder beschäftigt und 2 Mio. RM Gewinn verzeichnet und die ersten Versuche zum farbigen Kupfertiefdruck wurden gestartet.

Hans Kraemer und die Ost-Verträge

Mit ihrer Zusage, die Führung bei Rotophot zu übernehmen, entlastete Charlotte Kraemer ihren Ehemann, dessen Engagement in verschiedenen Wirtschaftsgremien und als Regierungsberater ihm immer weniger Zeit ließ, sich um die Belange seines Unternehmens zu kümmern. Im November 1918 beteiligte sich Hans Kraemer an Verhandlungen, die Rudolf Wissel und Karl Legien zur Bildung der Weimarer Republik führten, die künftige Regierung brauchte Fachleute aus dem Bereich der Wirtschaft. Hans Kraemer gehörte 1919 zu den Gründern des "vorläufigen Reichswirtschaftsrat" (VRWR), dessen Aufgabe es war, sozial- und wirtschaftspolitische Gesetzesentwürfe vor ihrer Einbringung in den Reichstag zu begutachten. Der VRWR hatte das Recht, selber Gesetzesvorlagen zu beantragen. Mit einem Antrag von Rudolf Wissel auf den Ausbau der Erwerbslosenfürsorge nahm der VRWR seine Tätigkeit am 30. Juni 1920 auf. Von 1920 bis 1933 übernahm Hans Kraemer den Vorsitz des Wirtschafts-politischen Ausschusses, des Außenhandelskontroll-Ausschusses und des Reparationsausschusses im VRWR. Kraemer erstellte Gutachten und erarbeitete Strategien für Handelsverträge und Reparationsverhandlungen, die meistens umgesetzt wurden. Eine Arbeit, die in engem Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Exportviertels der 1920er-Jahre stand.

Hans Kraemer war 1919 einer der Gründer des Reichsverbandes der deutschen Industrie (RDI). Er gehörte zum Präsidium, das den RDI nach außen vertrat und die eigentlichen Entscheidungen des RDI fällte. In diesem Präsidium kamen die mächtigsten Unternehmer und bedeutendsten Wirtschaftsfachleute der Weimarer Republik zusammen. Als RDI-Präsidiums- mitglied und Wirtschaftssachverständiger begleitete Kraemer Regierungsdelegationen zu allen Reparationsverhandlungen der 1920er-Jahre. Zuerst im Juli 1920 ins belgische Spa, wo erstmals Vertreter aus Deutschland teilnehmen durften. Kraemers Interesse war, dass Deutschland wieder zu geordneten Außenhandelsbedingungen mit seinen Nachbarn kommen sollte. Wo das nicht möglich war, suchte er nach Auswegen. Gelegenheit dazu bot sich 1922 bei der ersten Weltwirtschaftskonferenz in Genua. In der Nacht zum Ostersonntag fiel bei Sonderverhandlungen zwischen den Vertretern des Deutschen Reiches und der Sowjetunion in Rapallo, einem Kurort in der Nähe von Genua, die Entscheidung, beiderseitig auf Reparationsforderungen zu verzichten. Dieser erste intersystemare Vertrag zwischen einem kapitalistischen und einem sozialistischen Land sollte der Vorläufer für die späteren "Ost-Verträge" werden. Hans Kraemer sagte später: "Ich bin in jener denkwürdigen Nacht vor dem Abschluss des Vertrages von Rapallo einer derjenigen gewesen, die den damaligen Reichsaußenminister Rathenau in stundenlangen Verhandlungen bewogen haben, den Vertrag zu unterzeichnen. Ich trage also ein Stück Verantwortung für dieses Vertragswerk und würde es auch heute tragen. Ich bin überzeugt, dass Deutschland und die UdSSR wirtschaftlich zusammenarbeiten können, und müssen, und habe stets auf die großen Zukunftschancen der deutschen Zusammenarbeit hingewiesen."

Für das Reich war in erster Linie garantiert, dass in Sowjetrussland kein neuer Reparationsgläubiger entstand, was durch den gegenseitigen Verzicht aller aus dem Krieg resultierenden Ansprüche und Entschädigungsforderungen gewährleistet wurde. Der am 16. April 1922 geschlossene Vertrag schuf auch ein Bündnis, das politisch und wirtschaftlich gegen die Westmächte wirkte. Seine Zukunftsvision fasste Kraemer folgendermaßen zusammen: "Wir erwarten unsere wirtschaftliche Wiedergesundung nicht vom Westen, sondern wir erwarten sie von dem Osten. Das will sagen, nicht allein vom Sowjet-Staat, sondern von dem gesamten Osten, im weitesten Sinne: geographisch, politisch und wirtschaftlich." Neben seinem Engagement zur Überwindung der politischen und wirtschaftlichen Isolierung nach dem Krieg und zur Eingliederung Deutschlands in die Weltwirtschaft widmete sich Kraemer den drängenden inneren Problemen der Weimarer Republik.

Durch den Ersten Weltkrieg, der durch Kriegsanleihen mitfinanziert wurde und den folgenden Reparationszahlungen häufte sich ein riesiger Schuldenberg an, dessen Zinsen das Bruttosozialprodukt der stark geschwächten Wirtschaft überstiegen. Die Regierung ließ Papiergeld drucken und Münzen prägen. 200- und 500-Mark-Stücke, die zur Zeit der Prägung bereits wertlos waren, wurden produziert, damit die Arbeiter in den Münzprägeanstalten eine Beschäftigung hatten. Vom 1. Januar 1922, als der US-Dollar 90 Mark kostete, stieg der Kurs bis zum November 1923 auf 4,2 Billionen Mark. Als Deutschland aufgrund des Versailler Vertrages fast keine Goldbestände mehr hatte, bildete sich 1922 ein "Währungsausschuss", dem Hans Kraemer neben Wirtschaftsminister Luther und Hjalmar Schacht von der Golddiskonto-Bank angehörte. Nach einem langen Abstimmungsprozess über die "Roggenmark", die wegen des fehlenden Goldes ihre Deckung in Getreide haben sollte, entschied sich der Ausschuss im November 1923 für die "Rentenmark". Gemeint waren keine Altersrenten, sondern die Erträge aus Grundbesitz. Gestützt wurde die Rentenmark durch die "Grundschuld". Jeder Unternehmer, Fabrikbesitzer, Grundstück- oder Immobilienbesitzer musste 6 % seines Grundbesitzes an den Staat übertragen. Durch die Einführung der Rentenmark wurde die Inflation gestoppt und der Weg für den "Dawes-Plan", der dringend benötigte Kredite aus den USA ermöglichte, war frei. Die Stimme von Kraemer hatte bei den Verhandlungen zum Dawes-Plan erhebliches Gewicht. Er gehörte seit 1924 zum Aufsichtsrat der Commerzbank und saß im Vorstand der Reichs-Kredit-Gesellschaft AG - "Erka". Die Erka war die Konzernbank der reichseigenen Vereinigten Industrieunternehmungen. Sie betätigte sich bei Industrie- und Handelskrediten oder der Finanzierung und Absicherung von Import- und Exportprojekten. Bei diesen ging es um deutsche wirtschaftliche und politische Einflussnahme im Ausland.

1926 initiierte Hans Kraemer den "Russland-Ausschuss der deutschen Wirtschaft", dem er bis 1933 vorstand. Der Ausschuss versuchte das Abkommen von Rapallo praktisch umzusetzen, was wegen gegenseitigem Misstrauen und Vorbehalten auf große Schwierigkeiten stieß. Kraemer war ein guter Vermittler, sodass in der Zeit der großen Wirtschaftskrise von 1929 Aufträge in Höhe von 300 Mio. RM an deutsche Unternehmen gingen, die zur Einstellung von ca. 100.000 Arbeitern führten. Als Berliner Direktor des Ivar-Kreuger Konzerns vermittelte Kraemer dem Deutschen Reich 1929 einen 500 Mio. RM Kredit, der gegen Überlassung des Zündholzmonopols gewährt wurde. Dieser Kredit half Ende 1929 einen Finanzkollaps zu überwinden und die innere politische Lage etwas zu stabilisieren.

Von 1919 bis 1933 gehörte Hans Kraemer zu den einflussreichsten Unternehmerpersönlichkeiten in der Reichshauptstadt. In über 20 Banken und Großfirmen bekleidete er Vorstands- oder Aufsichtsratsposten. Er war stellvertretender Vorsitzender des Vereins Berliner Unternehmer und Kaufleute, dem wichtigsten deutschen Industriellenclub neben dem Industrieclub Düsseldorf und des RDI. Bemerkenswert ist, dass sich im elitären Präsidium des Reichsverbandes der deutschen Industrie sonst nur Vertreter der Großindustrie trafen. Kraemers Rotophot war jedoch ein relativ kleines mittelständisches Unternehmen. Auch von seinen Vermögens- und Lebensverhältnissen lag Kraemer weit hinter dem Standard seiner Kollegen dieser Kreise zurück. Waren sonst große Villen und Rittergüter üblich, so lebte er zur Miete im Tiergartener Diplomatenviertel. Kraemer wurde von Carl Duisberg, dem Vorsitzenden des RDI zwar als geschickter Verhandler auf internationalen Konferenzen geschätzt, blieb Kraemer aber persönlich gegenüber sehr reserviert, was sich aus Briefen rekonstruieren lässt. Als er 1933 sehr indirekt um Hilfe bat, wurde er von Duisberg kühl abgewiesen. Mit seinem Eintreten für die erste deutsche Republik begab Kraemer sich oft in Opposition zu den rechten und konservativen Kräften in Industrie und Politik. Dennoch stellte man seine Wirtschaftskompetenz sowie herausragende organisatorische Fähigkeiten auch im Lager seiner politischen Gegner niemals infrage.

Die Jahre bis 1938

Pragmatische Überlegungen hatten in den ersten Jahren der NS-Diktatur verhindert, dass alle als "jüdisch" definierten Personen aus dem Wirtschaftsleben entfernt wurden. Zwar musste Hans Kraemer zwischen 1933 und 1934 wegen der jüdischen Herkunft die meisten seiner öffentlichen Ämter aufgeben, er blieb jedoch, aufgrund der Wertschätzung von hochrangigen Wirtschaftsleuten wie Hjalmar Schacht, von direkten Verfolgungen zunächst verschont. Auch die Rotophot konnte relativ ungestört bis Ende 1937 weiterarbeiten. Der Geschäftsbericht von 1935 meldete: "In den ersten vier Monaten des laufenden Geschäftsjahres war die Gesellschaft zufriedenstellend beschäftigt. Im Zeitpunkt der Berichterstattung ist der Betrieb wieder voll ausgenutzt. Der vorliegende Auftragsbestand gewährleistet eine ausreichende Beschäftigung für den Rest des laufenden Geschäftsjahres, leider weiterhin zu gedrückten Preisen." Die Firma erwirtschaftete 1935 einen Umsatz von auf heute bezogen 10 Mio. € und beschäftigte 330 Mitarbeiter. Dank der Olympischen Spiele 1936 in Berlin verzeichneten die Rotophot, der Ross-Verlag und mit beiden verbundene Firmen gute Umsätze. Im ersten Jahresquartal erzielte die Rotophot eine Mehrproduktion von ca. 12 Kilometern an verarbeitetem Fotomaterial. In die Gewin- und Verlustrechnungen nicht einbezogen waren die Werte von Firmen wie dem Ross-Verlag. Diese Firmen waren eigenständig, aber personell und organisatorisch eng mit der Rotophot verbunden.

Neben dem Ross-Verlag war die "Rotophot Bromsilberdruck-Gesellschaft" die wichtigste. Sie erzielte 1936 einen Reingewinn von auf heute bezogen ca. 43 000 €. Die Rotophot Bromsilberdruck war 1929 vom Hauptgeschäft der Rotophot abgespalten worden und seitdem als eigenständige Firma tätig. Sie gab Aufträge an die Mutterfirma, kaufte ihr Rohmaterial unter eigenen Konditionen bei der Mimosa-Fotopapierfabrik in Dresden. Die Erlöse der Rotophot Bromsilberdruck flossen hauptsächlich in Investitionen. Ziel der Ausgründung im Jahre 1929 war es gewesen, die Muttergesellschaft vom Bromsilberdruckgeschäft zu entlasten, damit diese sich auf neue Aufgaben konzentrieren konnte. Heinrich Ross wollte mit der Ausgründung von 1929 weiterhin erreichen, das Druck und Vertrieb des Ross-Verlages aus einer Hand kamen. Der scheinbar geringe Reingewinn von ca. 43 000 € war deshalb erheblich, weil er trotz großer Investitionen in Maschinen, Personal usw. erzielt wurde. Aus wenigen Dokumenten der "Rotophot Bromsilberdruck Gesellschaft" hat sich ergeben, dass z. B. 1936 ca. 29 000 € für Fotolizenzen und 26 000 € für Fotoaufträge gezahlt wurden. Über Tochtergesellschaften in Italien und Frankreich war die Rotophot in Europa vertreten, auf dem wichtigen USA-Markt jedoch nicht.

Charlotte Kraemer reiste mehrmals zwischen 1936 und 1938 für längere Zeit in die USA. Diese Reisen wurden von den Behörden durch Bewilligungen der Deviseneinfuhr genehmigt und gefördert. In Mr. Moriarty, dem Chef der "Morart Gravure Comp." in Holyoke in Neuengland, fand sie einen Geschäftspartner. Holyoke, westlich von Boston, galt vor 1945 als die "Papierstadt" der USA. Aufgrund der Verhandlungen beteiligte sich die Rotophot mit ca. 500 000 € an der Morart Corporation. Postkarten und Bücher für den amerikanischen Markt sollten in Massachusetts produziert werden. Aus eigenem Kapital steuerte Charlotte Kraemer zur Fusion mit der Morat Corp. über 100 000 € bei. Ihr wurde die Ausfuhr einer Tiefdruckmaschine mit einer Ätzanlage erlaubt. Die Rotophot erhielt über die Verbindung mit Morat Aufträge aus den USA und erzielte vom NS-Staat dringend benötigte Devisenerlöse.

Die Reisen von Charlotte Kraemer dienten nicht nur der Geschäftsanbahnung, sondern auch der Vorbereitung zur Immigration des Ehepaares Kraemer, das für sich keine Zukunft in Deutschland mehr sah. Seit dem Frühjahr 1936 gewannen nicht-jüdische Aufsichtsratsmitglieder Kontrolle über die Rotophot AG. So war das Aufsichtratsmitglied bei der Rotophot AG Paul Spethmann auch im Vorstand der Aschinger AG Berlin sowie als Finanzdirektor 1938 bei der "Arisierung" der Kempinski AG unmittelbar beteiligt. Das wurde möglich zum einen durch die Verabschiedung der "Nürnberger Rassegesetze" im Jahr 1935, die den Weg zur hemmungslosen Ausgrenzung bis zur Ermordung der deutschen Juden einleiteten. Weil Hans Kraemer unter der Protektion von Hjalmar Schacht und anderen hochrangigen Wirtschaftsleuten stand, konnte er bis 1935 für die Reichskreditbank arbeiten. Er litt zunehmend unter den Folgen einer Krebserkrankung und überließ Charlotte weitgehend die Führung der Rotophot. Tragisch für ihn und die Firma war der Tod von Richard Bong im Jahr 1935. Bong hatte die Rotophot mitbegründet und durch alle Höhen und Tiefen begleitet. Kraemer konnte sich danach immer weniger den Machenschaften von Mitgliedern im Aufsichtsrat der Rotophot entgegenstellen. Ihm entging, dass Rolf Gladebeck, der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Rotophot AG und Justiziar der Commerzbank in Berlin, über persönliche Verbindungen in den Besitz von über 50 % der Aktien der amerikanischen "Morart-Rotophot" gelangte. Als infolge von bewussten Fehlentscheidungen die Morat-Rotophot 1938 in eine finanzielle Schieflage geriet, konnte Gladebeck wegen seiner Aktienmehrheit auf Liquidierung der "Morart-Rotophot" im Februar 1939 stimmen.

Alles verloren

Zum massiven Verlust an Status und Einfluss, im März 1933 musste Kraemer wegen seiner jüdischen Abstammung alle Aufsichtsratsmandate und seine Stellung im RDI aufgeben. Vom Vorsitzenden Carl Duisberg erhielt er keinerlei Hilfe und auch beim Verein Berliner Kaufleute und Industrieller gab Kraemer den stellvertretenden Vorsitz auf. Seinen Platz nahm ein betrügerischer SA-Mann ein, der kurz nach seiner Ernennung mit der Kasse des VBKI flüchtete. Strafrechtliche Folgen hatte das für den Mann keine, der Schaden wurde von VBKI-Mitgliedern getilgt.

Das Ehepaar Kraemer erlitt dagegen erhebliche finanzielle Verluste durch den Wegfall von Vorstandsgehältern und Beraterhonoraren. Beide waren an ein Leben im Großbürgerlichen Rahmen gewöhnt und dafür reichten die jährlichen Einkünfte seit 1933 nicht mehr aus. Charlotte Kraemer bezog für ihre Vorstandtätigkeit auf heute bezogen ca. 120 000 € und das Privatvermögen des Ehepaars lag bei etwa 12 Mio. €. Im Sommer 1936 mussten sie ihre luxuriöse 12-Zimmerwohnung an Von-der-Heydt- Straße 14 im Tiergartener Diplomatenviertel aufgeben und einen großen Teil der Wohnungseinrichtung über eine Versteigerung veräußern. Der Wert dieser Wohnungseinrichtung wurde auf ca. 1,5 Mio. € geschätzt, wobei es in dieser Zeit bereits üblich war, jüdischen Besitz möglichst gering zu taxieren. Der Erlös aus dieser Auktion betrug dann auch nur etwa 120 000 €. Mit einer Einlage von ca. 250 000 € war Kraemer zweitgrößter Aktionär hinter der Dresdener Fotopapierfabrik Mimosa bei der "Rotophot Bromsilberdruck Gesellschaft", weitere Teilhaber waren Heinrich Ross und dessen Sohn Heinrich. In den Briefwechseln zwischen Hans Kraemer und seinem Rechtsbeistand Barella ist die Rede von "finanziellen Schwierigkeiten", als sich Kraemer Anfang 1937 gezwungen sah, seine Anteile an der "Rotophot Bromsilberdruck Gesellschaft" abgeben. Einer der Hintergründe wird sicher gewesen sein, dass er wie Heinrich Ross in die USA gehen wollte.

Die Gesellschafter der Mimosa stimmten dem Verkauf der Anteile von Kraemer zu. Dieser Anteil ging an die Kamerafabrik "Verax", die zur Mimosa Filmfabrik gehörte. Im gleichen Verfahren hatte auch Heinrich Ross seine Anteile an der "Rotophot Bromsilberdruck Gesellschaft" verloren, der nur Sprachgebrauch war hier anders. Nach offizieller Lesart hatte Ross seine Anteile in Höhe von 40 000 € aus "Gefälligkeit" der Mimosa angeboten. Nach diesen ersten kamen die nächsten Schritte und am 23. April 1938 konnte Direktor Lehmann von der Tobis-Film-Gesellschaft vermelden, dass aus dem Besitz von Heinrich Ross und Charlotte Kraemer Rotophot-Anteile von in heutiger Währung ca. 550 000 € in seinen Interessenkreis übertragen wurden. Bei dieser Transaktion fiel ein Kursgewinn von etwa 40 000 € an, der an die Mimosa ging, weil "es nicht vertretbar gewesen wäre", so Lehmann, "dass die beiden Vorgenannten (gemeint waren Kraemer und Ross) durch den Verkauf ihrer Anteile einen zusätzlichen Gewinn erzielt hätten". Diese Aussage war eine Lüge, in Wirklichkeit hatten die genannten ihre Anteile ohne jeden Gewinn verloren. Offiziell waren sie aber noch im Besitz ihrer Firmen.

Um die letzte Gesellschafterversammlung der Rotophot-Bromsilberdruck-Gesellschaft zu leiten, kam Hans Kraemer am 17. Mai 1938 in sein Büro, das im zweiten Stock des Vorderhauses der Alexandrinenstraße 110 lag. Sein Geschäftsbericht über die Teilgesellschaft fiel kurz und sachlich aus. Vom 1. Januar bis zum 31. März 1938 wurden 114 982 m Material verarbeitet, was eine erhebliche Steigerung gegenüber 1936 darstellte, wo im gleichen Zeitraum 95 730 m Fotokarton durch die Maschinen liefen. Der Umsatz war im ersten Vierteljahr 1938 auf von heute gesehen auf mehr als 5 Mio. € gestiegen. Die Rotophot-Bromsilberdruck-Gesellschaft ging damit als erfolgreich tätige Firma an die Übernehmer. Hans Kramer bedankte sich bei Heinrich Ross für eine erfolgreiche 35jährige Zusammenarbeit und wünschte ihm "eine gute Zukunft". Die Familie von Heinrich Ross war bereits in die USA nach Chicago übergesiedelt, nur er wollte "letzte Dinge" regeln, wie er später sagte. Heinrich Ross bedankte sich für die Worte von Hans Kraemer und wünschte ihm "eine gute Gesundheit", wohlwissend, dass Kraemer nur noch wenige Monate zum Leben blieben. Knapp 14 Tage später am 31. Mai 1938 folgten die Entlassung von Heinrich Ross und die Wahl der neuen "arischen" Bromsilberdruck Aufsichtsratsmitglieder.

Im Juni 1938 übernahmen nach einer kurzen Mitteilung vom VBKI Paul Spethmann, sowie die Aufsichtsratsmitglieder Rudolf Wendt und Alfred Peglow die Leitung der Rotophot AG. Die Geschäftsführung lag bis nach dem Krieg in den Händen von Rudolf Wendt. Als letzten Versuch um Vermögen zu retten, hatte Hans Kraemer die Auflösung und Umwandlung der Berliner Messpalast-Baugesellschaft in die "Interessengemeinschaft Geschäftshaus Alexandrinenstraße 110" im September 1937 vollzogen. Für über 4.5 Mio. € ging der Messpalast an ein Konsortium von jüdischen Aufsichtsratsmitgliedern der Rotophot Aktiengesellschaft, bis diese ihre Anteile wenige Monate später an die nicht-jüdischen Mitglieder abgeben mussten. Mit 69 Jahren verstarb Hans Kraemer am 24. November 1938 in der Privatklinik von Professor Sauerbruch, wo er sich seit Dezember 1937 überwiegend aufhielt, an seinem Krebsleiden.

Charlotte Kramer geht in die USA

Mit einer vorläufigen Einreiseerlaubnis verließ Charlotte Kraemer Europa im Juni 1938 in Richtung Florida. Die Genehmigung zur unbefristeten Einwanderung sollte Generalkonsul Curt Dubois in Havanna erteilen. Im September 1938 erfuhr sie in Kuba, dass die Einwanderungsquote für das Festland von 60 auf 10 herabgesetzt wurde. Dennoch konnte sie drei Wochen später, am 27. Oktober 1938, Kuba verlassen und mit Bleiberecht eine Wohnung in Holyoke MA / Cabot Street 102. beziehen. Ihre Hoffnungen auf eine gute berufliche Zukunft in den USA fanden ein jähes Ende. Um Schwierigkeiten zu entgehen, hatte sie das Erbe ihres Mannes ausgeschlagen und stand wegen der Liquidierung der "Morart-Rotophot" im Februar 1939 vor dem materiellen Nichts. Ein monatliches Gehalt von ca. 2500 €, das ihr von der Rotophot für die Arbeit bei der "Morart-Rotophot" zugesichert war, war ihr nie ausgezahlt worden. Ihre wirtschaftliche Situation besserte sich zunächst durch einen Anstellungsvertrag bei der Morart Comp., der ein Monatsgehalt von 25 US-Dollar einbrachte. Louis Schulman, ein Kunde von Morart, vermittelte ihr gebrauchte Ätzmaschinen, mit der sie sich 1939 unter dem Namen "Roto Engraving Corp." eine Klischeeanstalt aufbaute. Von Schulman bekam sie außerdem ein Anfangskapital, das sie über seine Aufträge tilgen konnte. Ihr Jahreseinkommen lag zunächst bei 600 US-Dollar und stieg in den 1940er-Jahren auf ca. 1500 US-Dollar. Übliche Jahreseinkommen dieser Jahre lagen um die 1000 US-Dollar.

1939 wurde bei ihr eine schwere Brustkrebserkrankung festgestellt, die mit mehreren Operationen und Röntgenbestrahlungen zurückgedrängt wurde. Bis zu ihrem Tode litt sie an den Folgeerscheinungen dieser Behandlungen. Als Charlotte Kraemer in den 1950er-Jahren im Rahmen der "Wiedergutmachung" Entschädigungsansprüche stellte, kam es zwischen 1956 und 1958 zu einer Neueinschätzung des ehemaligen Besitzstandes. Einbezogen in diese Verfahren waren sowohl die Aktienanteile wie auch persönliche Gegenstände des Ehepaares Kraemer. Die meisten ihrer Angaben wurden bezweifelt, weil durch Kriegseinwirkung oder gewollte Vernichtung der größte Teil von Unterlagen verloren gegangen war. Ihre Angaben über den Geschäftsverlauf, der Zusammensetzung der Geschäftsführung und anders mehr wären anhand von Publikationen wie dem "Handbuch deutscher Aktiengesellschaften" überprüfbar gewesen. Zudem wurden ihr Akteneinsichten in Bankunterlagen verwehrt und ein amtlich bestellter Schätzer urteilte nur aufgrund von Fotos, die anlässlich der Auktion von 1936 angefertigt wurden. Nach seiner Meinung waren die Kraemers lediglich im Besitz von wertlosen Fälschungen, Falsifikaten und billigen Imitaten gewesen. Charlotte Kraemer bat im Verfahrensverlauf um die Unterstützung ehemaliger Freunden wie Theodor Heuss oder Rudolf Wissell. Doch deren Intervention nutzte wenig. Am 27. Oktober 1958 wurde Charlotte Kraemer für den Verlust der Rotophot und sämtlicher Beteiligungen inclusive dem persönlichen Besitz eine Entschädigung von 9.613,66 DM zugesprochen. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1967 kämpfte sie gegen das Urteil.

Irrfahrt mit der St. Louis

Auch der "Vater der Künstlerpostkarten" Heinrich Ross verlor alle seine Firmen bzw. Geschäftsanteile und bereitete sich 1938 auf die Emigration in die USA vor. Weil dieses längere Zeit als geplant in Anspruch nahm, gingen zuerst seine Kinder Edith und Egon nach Chicago. Am 13. Mai 1939 verließ Ross Deutschland in Richtung Cuba auf dem HAPAG-Schiff "St. Louis". Mit an Bord waren 936 zumeist jüdische Passagiere. Nach dem Auslaufen erfuhr Kapitän Schröder, dass die Einreiseerlaubnisse widerrufen worden waren. Der HAPAG war bekannt, dass alle vor dem 5. Mai erstellten Visa von Kuba für ungültig wurden. Vorsichtshalber hatte die HAPAG deshalb zusätzlich zum Fahrpreis eine Kaution für eventuelle Rückkehrkosten einbehalten. Ein Ticket in der ersten Klasse, für die St. Louis kostete auf heute bezogen etwa 5000 €, die allgemeinen Monatslöhne dieser Zeit bewegten sich zwischen 1400 € bis 1750 €.

Am 27. Mai erreichte die "St. Louis" Havanna. Kapitän Schröder und jüdische Repräsentanten versuchten eine Aufnahme auszuhandeln. Dies scheiterte unter anderem auch daran, dass der Leiter des HAPAG-Büros in Havanna zugleich ein Vertreter des SD - der faschistischen "Abwehr" war. Am 2. Juni 1939 musste die "St. Louis" Havanna verlassen und nahm Kurs auf Florida. Die amerikanische Regierung verweigerte jedoch eine Landeerlaubnis und die Küstenwache verhinderte einen unerlaubten Landungsversuch. Kapitän Schröder kehrte nach Europa zurück. Die Verzweiflung unter den Passagieren stieg und es drohte ein Massenselbstmord. Heimlich plante der Kapitän, die "St. Louis" an der britischen Küste stranden zu lassen, um eine Einreise zu erzwingen. Diese Irrfahrt erregte weltweite Aufmerksamkeit, worauf sich die Niederlande, Belgien, Frankreich und England zur Aufnahme der Flüchtlinge bereiterklärten. Am 17. Juni konnten die Passagiere in Antwerpen von Bord gehen. Heinrich Ross hatte das Glück mit über 200 Passagieren nach England gehen zu dürfen. Nach dem Kriegsausbruch gerieten zwei Drittel der ehemaligen Passagiere wieder unter Nazi-Herrschaft und wurden ermordet.

Berufswechsel mit 73 Jahren

Sein gesamtes Vermögen war durch die Arisierung, die Zahlung der "Reichsfluchtsteuer", aber auch durch die Kosten der Schiffspassage aufgebraucht worden. Sein persönlicher Besitz, der in Kisten verpackt in Bremerhaven lagerte, ging durch Diebstahl verloren. Als er in London wohnte, gewährte ihm eine jüdische Organisation ein Pfund wöchentlich. 1942 konnte er durch die Intervention seines Sohnes in die USA reisen. In der 56th St. in Chicago lebte er zunächst von der Unterstützung seines Sohnes, bis er 1943, mit 73 Jahren, begann, als Maschinist in einer Fabrik zu arbeiten. Diese Stellung behielt er bis zu seinem 84. Lebensjahr. Am 9. Februar 1956 erhielten Vater und Sohn Ross 50 000 DM Entschädigung für den Verlust ihrer Firma, deren Betrieb 1944 eingestellt und nicht wieder aufgenommen worden war. Wegen relativ guter Dokumentenlage konnte Heinrich Ross seine Ansprüche weitgehend beweisen.

Die Rotophot-Gesellschaften in den Kriegsjahren

Nachdem der Ross-Verlag in Foto Film Verlag umbenannt wurde, nahm man alle Darstellungen als "jüdisch" bezeichneter Bühnen- und Filmschauspieler aus dem Programm. Amerikanische Filmstars blieben bis zum Kriegseintritt der USA 1941 im Programm. Nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 wurden Kriegshelden Bestandteil des Katalogs. Am 15. Mai 1942 übernahm die Universal-Film AG (UFA) - den Verlag, der bis 1944 UFA-Bild hieß. Die Rotophot konnte Anfang der 1940er-Jahre hochwertige farbige Kupfertiefdrucke herstellen und druckte Plakate für Filme wie "Stukas auf London" oder "U-Boote greifen an". Im Haus wurde außerdem die Zeitschrift "Die Wehrmacht" hergestellt. Im Oktober 1940 wurde die einst aus dem Tiefdrucksyndikat hervorgegangene "Rotogravur Deutsche Tiefdruck GmbH" aufgelöst. Liquidator war der Justiziar der Rotophot Eugen Barella, der seit den frühen 1930er-Jahren als Freund des Ehepaar Kraemer galt. Nach dem Tod von Hans und der Ausreise von Charlotte beteiligte sich Barella tatkräftig an der Zerschlagung der Rotophot Als Treuhänder von Frau Kraemer war Regierungsrat a. D. Kruspi eingesetzt, der in der rassistischen NS-Terminologie jedoch als "Halbjude" galt und dem kriminellen Vorgehen von Barella nichts entgegensetzen konnte. Kruspi, der im Besitz von vielen Dokumenten der Rotophot war, kam 1943 bei einem Bombenangriff um. Mit ihm verbrannten alle Unterlagen.

Am 27. Januar 1943 richtet die Rotophot Bromsilberdruck-Gesellschaft in der III. Etage des 1. Quergebäudes Aufgang A einen Gemeinschaftslagerraum für 50 Italienische Arbeiter ein, die als "Gefangene" bezeichnet wurden. Als deren Zahl Monate später auf 10 reduziert wurde, geschah das nach Aussage der Firma "weil sich die vergebenden Arbeiten zu speziell sind, um sie von ungelernten Kräften ausüben zu lassen". Im November 1943 wurde ein Vertrag mit der Postkartenfirma Eberhard Metz in Tübingen über eine Weiterführung der Postkartenproduktion geschlossen. Nach einem schweren Bombenangriff, durch den große Teile der Alexandrinenstraße 110 zerstört wurden, zog die Rotophot im Juni 1944 in die Räume der Kunstanstalt Gebr. Metz in Tübingen um. Nach einem Herstellungsverbot für Postkarten vom 1. September 1944 war die Rotophot bis zum Kriegsende mit Fertigungen "besonderer Art", wie es in der Firmenchronik von Metz heißt für das Reichsluftfahrt-Ministerium beschäftigt.

Das unrühmliche Ende der Rotophot

1945 war die Rotophot auf drei Standorte verteilt: Bei Metz in Tübingen, in erhaltenen Teilen des Rotophot-Hauses und auf dem UFA-Gelände in der Tempelhofer Viktoriastraße. Die Berliner Belegschaft betrug nur noch ein Zehntel der Vorkriegszeit. Zunächst wurde die Produktion bei Metz in Tübingen wieder aufgenommen, endete aber 1947 per Gerichtsbeschluss, als Metz die Räume für sich beanspruchte. Anfang 1946 nahm das Unternehmen in Berlin die Produktion im Tiefdruck und in der Buchbinderei wieder auf. Im Geschäftsbericht von 1946 wurden an werterhöhenden Reparaturen für beschädigte Maschinen 46 500 RM angegeben. Dem standen 126 900 RM für veräußerte Maschinen gegenüber. Auf einer Aktionärsversammlung am 17. Mai 1951 gab der Aufsichtsrat bekannt, dass von mit 105 000 DM bewerteten Maschinen der größte Teil für 82 875 DM veräußert wurde. Sinn der Verkäufe war, das ruhende Unternehmen wieder zu aktivieren.

Auf einer Hauptversammlung am 30. September 1952 wurde jedoch bekannt, dass die Gesellschaft mehr als die Hälfte ihres Aktienkapitals von 70 000 DM verloren hatte. Rudolf Wendt als der Geschäftsführer blieb hierauf eine Antwort schuldig und auf einer weiteren Hauptversammlung am 4. Mai 1954 kritisierte Regierungsdirektor Walter Queisser aus Frankfurt a. Main die Geschäftsberichte der Jahre 1952 und 1953. Sie gaben "nicht genügend Aufschluss über verschiedene Aufwendungen der Gesellschaft, zumal deren Betrieb in der Berichtszeit völlig ruhte". Die Hauptversammlung wurde daraufhin unterbrochen. Walter Wendt deutete an, dass ein Konsortium der Westbank AG neue Aktien übernehmen würde, und einigte sich nach einer Verhandlung mit vertretenden Aktionären den Firmensitz nach Coburg zu verlegen. Wendt hatte behauptet, dass die "fiskalisch gesteuerte Wirtschaftspolitik in Westberlin die Wiedereinrichtung des Betriebes der Rotophot unmöglich gemacht habe". Nach dieser Versammlung blieb es bei Versprechungen und Ankündigungen.

Ende 1955 wurde die Gesellschaft "wegen Inaktivität" aus dem Verzeichnis der deutschen Aktiengesellschaften gestrichen.
Der im September 1955 60-jährige Rudolf Wendt war fast 20 Jahre Vorstandsmitglied der Rotophot AG sowie Chef einer Kreuzberger Buch- und Offsetdruckerei sowie über Jahre im Vorstand der Elsässisch-Badischen Wollfabriken AG.

Die Rotophot heute

Wegen ihrer hohen Fertigungsqualität sind vor allem die Postkarten der Rotophot und des Rossverlages gefragte Objekte einer weltumspannenden Sammlergemeinde, aber auch Plakate und Bücher gehören zu den gesuchten Stücken mit stetig steigenden Preisen. Eine Sammlung mit gut erhaltenen Karten, die den Produktionszeitraum von 1900 bis 1943 enthält, erreicht auch ohne das wirklich seltene Stücke dabei sind, leicht einen Wert von über 1000 €.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Detlef Krenz / Text - Verein für die Geschichte Berlins e.V. - krenz.berlin@freenet.de
Text Auszug aus: Die Goldene Meile - das Exportviertel Ritterstraße - Detlef Krenz

Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers. | 03/2010