Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2012
Die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem
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Die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem - von Dr. Hans-Dieter Schmid

Die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem

Die Israelitischen Gartenbauschule Ahlem repräsentiert ein halbes Jahrhundert deutsch-jüdischer Geschichte in der Region Hannover. Gegründet im Jahre 1893 von dem hannoverschen Bankier Moritz Simon entwickelte sich die "Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover" – wie sie zunächst hieß – bald zu einer der bedeutendsten jüdischen Bildungseinrichtungen mit praktisch-gewerblicher Berufsausbildung. Durch sein „Modell Ahlem“ wollte Moritz Simon beitragen zur „Produktivierung“ der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und zur „Normalisierung“ ihrer Berufs- verhältnisse durch die Hinwendung zu Gartenbau, Landwirtschaft und Handwerk, Berufsbereichen, die den Juden traditionell verwehrt waren – sowie zur Lösung der „sozialen Frage“ der jüdischen Unterschichten, vor allem in Osteuropa, durch frühzeitige „Erziehung zur Arbeit“. Dadurch erhoffte Moritz Simon sich zugleich eine wirksame Bekämpfung des Antisemitismus.

Die Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem – ab dem Jahr 1919 umbenannt in „Israelitische Gartenbauschule“ – war von Anfang an eine Institution von überregionaler Bedeutung. Ihre Schüler kamen aus ganz Deutschland, aus Osteuropa, vereinzelt auch aus Palästina und anderen Ländern; ihre Absolventen fanden sich bald in ganz Europa, in Palästina und Amerika. Obwohl Ahlem eine dezidiert antizionistische Gründung war und blieb, wurde es auch zum Modell für zionistische Projekte auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Ausbildung in aller Welt.

Reservelazarett - Israelitische Erziehungsanstalt Ahlem 28.10.1914

 

Auf dieser Postkarte, die aus der Zeit um 1900 stammt, ist oben rechts in etwas idealisierter Darstellung das Hauptgebäude und der Haupteingang der Gartenbauschule zusehen. Die realistischere Darstellung der Gesamtanlage unten links zeigt unter anderem das im Jahr 1897 eingeweihte Schulgebäude, das zugleich die Wohnung des Obergärtners beherbergte (hinten links). Es ist das älteste heute noch vorhandene Gebäude.

Nach 1933 wurden Ahlemer Schüler zu Ausbildern in Einrichtungen, die der Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina dienten, Ahlem selbst übernahm nun zunehmend die Funktion der Vorbereitung auf die Auswanderung – eine Bedeutung, die für viele Schüler lebensrettend wurde.

Obwohl die Ausbildung in Ahlem in eingeschränktem Maße noch bis zum Verbot jüdischer Schulen im Juli 1942 weiterlief, wurde die Gartenbauschule ab Ende 1941 von der Gestapo zur zentralen Sammelstelle für die Deportation der Juden aus den Regierungsbezirken Hannover und Hildesheim bestimmt. Von Ahlem aus gingen zwischen Dezember 1941 und Februar 1945 Transporte mit mehr als 2.400 Menschen nach Riga, Theresienstadt, Warschau und Auschwitz ab.

Im Oktober 1943 setzte sich dann die Gestapo selbst in Ahlem fest, übernahm das Direktorenhaus für ihre berüchtigte „Ausländerabteilung“ und richtete wenig später im Gebäude daneben ein „Polizeiersatzgefängnis“ für die Gestapohäftlinge ein. In der Kriegsendphase wurde in der ehemaligen Laubhütte der Gartenbauschule eine Hinrichtungsstätte eingerichtet, in der noch kurz vor Kriegsende über mindestens 59 ausländische, vor allem russische Zwangsarbeiter hingerichtet wurden.

Moritz Simon (1837-1905), jüdischer Bankier, Gründer und Stifter der Gartenbauschule Ahlem

"Arbeitsschluß" steht unter diesem Foto im Album von Ilse Buchholz (hinten links), die von 1936 bis 1938 als Gärtnerlehrling in Ahlem war. Sie lebt heute als Debora Bakschitzky in Israel. Trudel Wertheim (hinten rechts) emigrierte nach England. Herbert Bieberfeld (vordere Reihe, 2. von links) wanderte im April 1939 in die USA aus, wo er bis vor wenigen Jahren eine große Gärtnerei betrieb, die heute sein Sohn leitet.    Gedenkstätte Ahlem

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Postkarte - Reservelazarett - Israelitische Erziehungsanstalt Ahlem | 28.10.1914
Dr. Hans-Dieter Schmid | Leibniz Universität Hannover / Postkarten / Text

Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers. | 12/2008