Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017
Die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem
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Die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem - von Dr. phil. Hans-Dieter Schmid

Die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem

Die Israelitische Gartenbauschule Ahlem repräsentiert ein halbes Jahrhundert deutsch-jüdischer Geschichte in der Region Hannover.

Die im Jahre 1893 vom hannoverschen Bankier Moritz Simon (1837-1905) gegründete "Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover" - wie sie zunächst hieß - entwickelte sich zu einer der bedeutendsten jüdischen Bildungseinrichtungen mit praktisch-gewerblicher Berufsausbildung. Durch sein "Modell Ahlem" wollte er beitragen zur "Produktivierung" der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und zur "Normalisierung“ ihrer Berufsverhältnisse durch die Hinwendung zu Gartenbau, Landwirtschaft und Handwerk, Berufsbereichen, die den Juden traditionell verwehrt waren - sowie zur Lösung der "sozialen Frage" der jüdischen Unterschichten, vor allem in Osteuropa, durch frühzeitige "Erziehung zur Arbeit". Dadurch erhoffte Moritz Simon sich zugleich eine wirksame Bekämpfung des Antisemitismus.

Auf dieser Postkarte (um 1900) ist oben rechts in etwas idealisierter Darstellung das Hauptgebäude und der Haupteingang der Gartenbauschule zusehen. Die realistischere Darstellung der Gesamtanlage unten links zeigt unter anderem das 1897 eingeweihte Schulgebäude, das zugleich die Wohnung des Obergärtners beherbergte (hinten links). Es ist das älteste heute noch vorhandene Gebäude.

A. M. Simon (1837-1905), jüdischer Bankier,
Gründer und Stifter der Gartenbauschule Ahlem.

 

Düngeversuch mit Prunus triloba 1908 von
Wasem & Lobermeier | 12.03.1909

Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem - Reserve-Lazarett (Patienten, Schwestern und ein Arzt - Eingang Mädchenhaus)
28.10.1914

Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem - Reserve-Lazarett (Rückseite) | 28.10.1914

Die Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem - ab 1919 umbenannt in "Israelitische Gartenbauschule" - war von Anfang an eine Institution von überregionaler Bedeutung. Ihre Schüler kamen aus ganz Deutschland, aus Osteuropa, vereinzelt sogar auch aus Palästina und anderen Ländern; ihre Absolventen fanden sich bald in ganz Europa, in Palästina und auch in den Amerika. Obwohl die Israelitische Gartenbauschule eine dezidiert antizionistische Gründung war und blieb, wurde sie auch zum Modell für zionistische Projekte auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Ausbildung in aller Welt.

Nach 1933 wurden die Schüler aus Ahlem zu Ausbildern in Einrichtungen, die der Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina dienten, Ahlem selbst übernahm nun zunehmend die Funktion der Vorbereitung auf die Auswanderung – eine Bedeutung, die für viele Schüler lebensrettend wurde.

Obwohl die Ausbildung in Ahlem in eingeschränktem Maße noch bis zum Verbot jüdischer Schulen im Juli 1942 weiterlief, wurde die Israelitische Gartenbauschule ab Ende 1941 von der Gestapo zur zentralen Sammelstelle für die Deportation der Juden aus den Regierungsbezirken Hannover und Hildesheim bestimmt. Von Ahlem aus gingen zwischen Dezember 1941 und Februar 1945 Transporte mit mehr als 2.400 Menschen nach Riga, Theresienstadt, Warschau und Auschwitz ab.

Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem
Reserve-Lazarett | 05.12.1917

Israelitische Gartenbauschule Ahlem
Post Hannover-Limmer | 05.11.1923

Israelitische Gartenbauschule Ahlem
(Rückseite) | 05.11.1923

Im Oktober 1943 setzte sich dann die Gestapo selbst in Ahlem fest, übernahm das Direktorenhaus für ihre berüchtigte "Ausländerabteilung" und richtete wenig später im Gebäude daneben ein "Polizeiersatzgefängnis" für die Gestapohäftlinge ein. In der Kriegsendphase wurde in der ehemaligen Laubhütte der Gartenbauschule eine Hinrichtungsstätte eingerichtet, in der noch kurz vor Kriegsende über mindestens 59 ausländische, vor allem russische Zwangsarbeiter hingerichtet wurden.

"Arbeitsschluß" steht unter dem Foto rechts im Album von Ilse Buchholz (hinten links), die von 1936 bis 1938 als Gärtnerlehrling in Ahlem war. Sie lebt heute als Debora Bakschitzky in Israel. Trudel Wertheim (hinten rechts) emigrierte nach England. Herbert Bieberfeld (vordere Reihe, 2. von links) wanderte im April 1939 in die USA aus, wo er eine große Gärtnerei betrieb.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Andreas-Andrew Bornemann / Postkarte - Düngeversuch mit Prunus triloba 1908 von Wasem & Lobermeier | 12.03.1909
                                                  Postkarte - Reservelazarett - Israelitische Erziehungsanstalt Ahlem | 28.10.1914
                                                  Postkarte - Reservelazarett Ahlem bei Hannover | 05.12.1917
                                                  Beleg - Israelitische Gartenbauschule Ahlem, Post Hannover-Limmer | 05.11.1923
Dr. phil. Hans-Dieter Schmid / Text / Foto / Postkarte um 1900 und A. M. Simon Karte

Die Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung des Rechteinhabers. | 12/2008