Postkarten-Archiv | Andreas-Andrew Bornemann | Hannover-Linden | 2002-2017
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Lindener | Limmer Gewerbe- Handel und Industriebetriebe

1896/97 Chemische Fabrik Sichel (Sichelwerke), seit 1920 Ferdinand Sichel KG, heute Henkel KGaA.

Der jüdische Malermeister und Dekorateur Ferdinand Sichel (1859-1930) entwickelte um 1888/89 den ersten gebrauchsfertigen Tapetenkleister "Sichel-Malerleim M" und den "Sichel-Tapetenkleister SK", auf chemischer Basis und machte damit den seit Jahrhunderten benutzten Knochenleim überflüssig. Am 1. Oktober 1889 gründete er in der Großen Packhofstraße 40, in Hannover-Mitte, die Firma Arabinwerk Chemische Fabrik Hannover. 1896/97 zog das Unternehmen auf ein Grundstück in Limmer bei Hannover an der Südfeldstraße 26 und nannte sich nun Chemische Fabrik Sichel (Sichelwerke), ab 1920 Ferdinand Sichel KG, ab 1933 Ferdinand Sichel AG. Die Sichelwerke stehen heute noch an gleicher Stelle, in Hannover-Limmer

Ferdinand Sichel wurde am 29. September 1859 in Hannover geboren. Er wohnte laut Adressbuch von 1868 mit seinen Eltern Johann und Therese Sichel, geb. Meyerhof in der Großen Packhofstraße 39 und ab 1872 in Nummer 40 in Hannover-Mitte. Sein Vater Johann Sichel war Tapeziermeister am Königlichen Hof von Hannover. Ferdinand Sichel besuchte die Handelsschule und machte nach seinem Militärdienst eine Lehre in der Schmirgel-Fabrik von Sigmund Oppenheim (1839-1915), in Hannover-Hainholz. 1897 wohnte Ferdinand Sichel mit seiner Mutter, sie war nun Witwe, in der Oelzenstraße 12, Calenberger-Neustadt. Laut Adressbuch von 1928/29 wohnte er Am Königsworther Platz 2, auch sein Chauffeur Rudolf Harre wohnte mit im Haus.

Ferdinand Sichel starb am 4. August 1930 in Hannover, beerdigt wurde er auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Hannover-Bothfeld, vor der südwestlichen Mauer. Der Weg am Zweigkanal in Hannover-Limmer wurde 1979 in Sichelstraße benannt.

Schiffsanlegestelle für die Sichel-Werke

Am Stichkanal-Linden wird 1914 für die Sichel-Werke eine Schiffsanlegestelle gebaut und das Werk bekommt einen eigenen Eisenbahn-Gleisanschluss für seinen Güterverkehr. Um 1915 beschäftigt das Unternehmen mehr als 350 Mitarbeiter.

Anfang der 1920er-Jahre übernahm man die Herstellung von Dr. Friedrich Supfs Stärkeleime und Kleister in Trockenform. Die Firma wurde nun in Ferdinand Sichel KG umbenannt und war lange Zeit Marktführer im Bereich der Pflanzenleime in nasser und trockener Form. 1922 gründete man mit der W.A. Scholten Aardappelmeltfabriek Groningen, die NV Verkoopcentrale Scholten-Sichel in Groningen/Niederlande.

1922/23 wurde ein Lagerhaus nach Plänen des hannoverschen Architekten Adolf Falke (1888-1958) erbaut. Falke entwarf auch die sogenannten Falke-Uhren (Standuhren im öffentlichen Raum in Hannover). Von den ursprünglich rund zwanzig Exemplaren, die die Stadt Hannover in Straßen und auf Plätzen aufgestellt hatte, haben sich heute zehn “Reklameuhren“ erhalten, die sämtlich unter Denkmalschutz stehen.

Werbeblatt - Chemische Fabrik Sichel | 1911

Sichel Adhesives Ltd. und Sichel-Betriebskrankenkasse

In Luton, Richmond/Surrey, England wird 1926 die Sichel Adhesives Ltd. gegründet. Die Sichel-Betriebskrankenkasse nimmt 1927 ihre Arbeit auf. Mehr als 180 Mitarbeiter und deren Familienangehörige werden zunächst Mitglied der Kasse.

Die Ferdinand Sichel KG entwickelte nun auch Verpackungs- und Etikettierklebstoffe. 1931 wurde die Chemische Fabrik Mahler & Dr. Friedrich Supf KG. in Neubrandenburg und Berlin übernommen, die 1933 nach Hannover-Limmer verlegt wurde. Nun wurde die Ferdinand Sichel Kommanditgesellschaft, in die Ferdinand Sichel Aktiengesellschaft (AG), umgewandelt.

Ferdinand Sichel Kommandit-Gesellschaft | 06.08.1921

Ferdinand Sichel Kommandit-Gesellschaft | 01.07.1928

Unter den Nationalsozialisten

Unter den Nationalsozialisten musste die Familie Sichel nach England auswandern. Auf Bitten der Erben Ferdinand Sichels wurden die Unternehmen durch Dr. Friedrich Supf, um sie vor der Zwangsarisierung zu schützen übernommen.

Dr. F. Walter Dux (1889-?), Chemiker und Direktor der Sichel-Werke, verheiratet mit Marga Dux, geb. Sichel (1898-?), führte die Tochterfirma in England für die Familie weiter. Das Ehepaar Dux wohnte laut Adressbuch von 1928 in der Kniggestraße 1, am Georgengarten in Hannover, und war Besitzer der Immobilie. Walter und Marga Dux sind am 14. Juni 1933 von Bremen aus mit dem Schiff Europa, des Norddeutschen Lloyd (NDL), in der 1. Klasse nach Southampton, England ausgewandert. Dr. Dux war auch ein Freund und Förderer des Malers, Dichters, Werbegrafikers und Künstlers Kurt Schwitters (1887-1948).

1938 wurde die Ferdinand Sichel KG in Ferdinand Sichel-Werke AG umbenannt. Das Unternehmen soll während des Zweiten Weltkriegs ca. 200 bis 300 Zwangsarbeiter beschäftigt haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Sozialdemokrat Dr. Kurt Schuhmacher (1895-1952) von Oktober 1945 bis 10. April 1945 als Buchhalter im Sichel-Werk beschäftigt.

Ferdinand Sichel AG - Die Neuen Sichel Werkstoffe
Sichozell - Sichel-Faser | 26.02.1938

Ferdinand Sichel AG | 13.06.1938

Dr. Supf Stiftung und der Persil-Henkel-Konzern

Durch die Firma Sichel wurde 1955 die Dr. Supf Stiftung gegründet. Die Stiftung fördert die Ausbildung von Kindern der Werksangehörigen und andere soziale Zwecke. Am 20. Juni 1962 wurde die Sichel-Werke AG mit ihren 630 Beschäftigten vom Persil-Henkel-Konzern übernommen. 1963 wird die Sichel-Werke AG in Sichel-Werke GmbH umbenannt und 1976, wird das Werk um eine Kantine und weitere Sozialräume erweitert. 1989 feiert man in Hannover-Limmer das 100-jährige Jubiläum der Henkel-Tochter Sichel-Werke GmbH. Heute nennt sich die Firma Henkel KGaA.

Literatur- und Quellenverzeichnis

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Nicht die Zeit, um auszuruhen. Dokumente und Bilder zur Geschichte der hannoverschen Arbeiterbewegung 1814-1949 | Peter Schulz | Verlag Buchdruckwerkstätten Hannover GmbH | 1990
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